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Livekritik zu

Traumfabrik

26.11.2014 - 29.11.2014 | Berlin [ Weißensee ] / Brotfabrik - Berlin
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Jamal Tuschick
am 27.11.2014

Als Berlin-Weißensee Hollywood überflügelte - Simone Kucher widmet sich in „Traumfabrik“ der Filmfamilie May

There’s always someone behind. Man kennt Joyce und Burroughs, den Inneren Monolog und Cut-up. Doch wer kennt Édouard Dujardin, den Erfinder des Monologue intérieur, und Brion Gysin, der Big B beeinflusste?  

There’s always someone behind. Hinter Billy Wilder stand Joe May. Ihm und seiner Frau Mia widmet sich Simone Kucher in „Traumfabrik“. Schauplatz der Uraufführung in der Regie von Holger Müller-Brandes ist die „Brotfabrik“ Pankow/Weißensee. Hier, im Berliner Nordosten, führte das Ehepaar May zu Beginn des 20. Jahrhunderts „den Film aus dem Experimentierstadium”.

Auf der Bühne stehen zwei semi-transparente Boxen und ein Piano. Zu sehen gibt es eine inszenierte Erzählung. Sie beginnt in einer rauschenden Nacht. Billy Wilder kassiert drei Oscars für „Sunset Boulevard”, während Joe May zum Eckensteher auf der Oscarparty degradiert wird. Seine Zeit ist abgelaufen. Von Einsicht befreit, träumt der Pionier von einem neuen Anfang in Hollywood. Die „Industrie” hat aber kein Interesse.

Can Fischer spielt den Visionär May mit rattenscharfen Koteletten. Mit der Energie eines Träumers und der unfreiwilligen Zweisprachigkeit des Emigranten bestürmt er einen imaginären Geldgeber. Er „geht die Liste der Bedeutenden durch”. Er ist ein Überzeugungstäter par excellence. Verliebt ins Gelingen. Mays Maximen lauten: Jede Sensation muss von der Handlung beglaubigt werden. Bringe ich eine reiche Frau ins Spiel, dann hat sie unglücklich zu sein, sonst wird das Publikum zu neidisch.

„Traumfabrik” fegt durch eine Biografie, plötzlich ist May wieder jung und gefragt. Überlegen sagt er zu Mia: „Sobald es regnet, kriegen die Leute schlechte Laune.” Er reißt der Gattin „das Blau vom Himmel”. Er lebt in seinen Ideen. Noch flüchtet er nicht aus der Realität, vielmehr verändert er die Wirklichkeit, zuerst mit „In der Tiefe des Schachts” (1913). Es folgen 113 Produktionen.

Nolundi Tschudi spielt die Kongeniale. Mia stand schon auf der Bühne, als der Wiener Industriellensohn Julius Mandl seiner Verwandlung in Joe May noch entgegensah. Mia initiiert die Entpuppung. Souverän folgt sie dem Lauf eines Sternendaseins. Tochter Eva steigt mit auf. Sie begeht Selbstmord in ihren frühen Zwanzigern, nach sechs Ehen in fünf Jahren. Susanne Scholl spielt sie mit dem Temperament einer expressiv Verzweifelten. (Der Expressionismus dreht gerade seine Runde.) Sie ist älter als ihre Mutter in der Gestalt von Nolundi Tschudi. Man erkennt in den ausgeprägten Zügen gleichwohl die Bitterkeit eines Kindes, das in die Berufswelt der Eltern gezogen wird.

Die „Traumfabrik” hat zudem einen Erzähler, Christian Bormann verkörpert ihn so, dass man ihn manchmal mit Joe May verwechselt. Das Stück schießt Vor- und Rückblenden. Nachrichten aus dem Laufstall der Bilder beschleunigen ihre Sprecher. Die Bilder lernen laufen, das Kino kommt in Gang. Die Helden hasten durch die „Traumfabrik”.

Die Mays popularisieren das Genre des Detektiv- und des Kolossalfilms. Joe May fördert Fritz Lang. 1918 erschafft Joe May in Woltersdorf bei Berlin seine eigene Cinecittá.  Hier entsteht „Die Herrin der Welt” mit zwanzigtausend Statisten. Das Dekor für den Schinken in acht Teilen liefert das Greenbaum-Atelier in Weißensee. Weißensee kommt gleich nach Hollywood. Dann kommen die Nazis, 1934 übernimmt Joe May seine erste Regie in Amerika – „Music In The Air” mit Gloria Swanson in einer Hauptrolle. Billy Wilder arbeitet ihm zu, May hilft ihm in den Vereinigten Staaten Fuß zu fassen. Das Rad dreht sich, Wilder kann allerdings nichts für den ausgemusterten Mentor tun. Die Mays eröffnen ein Restaurant, sie scheitern wieder. Der Tod trifft arme Leute. Das erzählt „Traumfabrik” in einem tollen Spiel.

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Traumhafte "Traumfabrik" in der "Brotfabrik

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