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Livekritik zu

Tableau

08.01.2015 - 09.01.2016 | Berlin [ Kreuzberg ]
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Jamal Tuschick
am 09.01.2015

Handfeste Diva
„Du hast die grauen Haare deines Vaters geerbt“ - Reihaneh Youzbashi Dizaji inszeniert am Berliner Ballhaus Naunynstraße ihr eigenes Stück - „Tableau“
 
Familie ist Scharmützel – ein Kleinkrieg um Anerkennung. In „Tableau“ ziehen vier Frauen aus drei Generationen in die Schlacht. Gunst oder Missgunst, das ist hier die Frage. Es kommt zu erzwungenen Liebesbezeugungen. In den Fällen ihrer vollendeten Verweigerung weidet sich die eine am Leid der anderen. Die Leidende fühlt sich folglich in das Recht gesetzt und geradezu genötigt, der Nächstbesten eine zu verpassen.
Reihaneh Youzbashi Dizaji inszeniert „Tableau“ (Dramaturgie Nora Haakh) als geschlossene Gesellschaft - „Die Hölle, das sind die anderen.“ (Sartre) Das Bühnenbild von Markus Pötter erinnert an einen außer Betrieb geratenen Paternoster. Die Parteien separieren sich in Kabinen, das Spiel heißt jede gegen jede. Die Großmutter darf sich zu einem Neujahrsfest nur bedingt eingeladen fühlen. Sie dominiert die Szene mit machtvoller Hilflosigkeit. Sie resümiert: „Uns ging es früher anders schlecht.“ Antike Konflikte mit ihrer Tochter brechen auf und belasten zudem das Verhältnis zu den Töchtern der Gastgeberin. Dem Nachwuchs ist der Tod des Großvaters entgangen, so locker sind die Verbindungen. Das Andenken idealisiert den Altvorderen. Die Witwe imaginiert sich Enkel in niedlichen Zuständen. In ihrer Fantasie verfehlt sie die Verwerfungen in einer Familie, die zwar auf sie zurückgeht, aber mit ihr kaum was zu tun hat.
 
Alle behaupten Unabhängigkeit und beweisen Dependenz
 
„Geh in dein eigenes Leben“, heißt es. „Hier wird man gebissen.“ Die Töchter entziehen sich, in manchen Spielanordnungen stehen drei Töchter einem versagenden Über-Ich gegenüber. Vernesa Berbo spielt die Ahne als handfeste Diva ohne Rezepte.
„Tableau“ mäht sämtliche Varianten nieder. Die Mutter der Töchter nimmt als Tochter ihrer unerwünschten Mutter volle Regression in Anspruch. Das spielt Harriet Kracht herausfordernd wie mit dem bösen Finger im ständigen Anschlag. Sie ist der gefrorene Dreh- und Angelpunkt im Familienauflauf und selbstverständlich geschieden. Der Ex-Mann führt eine Schattenexistenz in den Erörterungen der Frauen. Im Streit der Schwestern erscheint die eine mit Schläue gesegnet. Die andere hat immerhin einen festen Wohnsitz. Diese Töchter (Nina Sarita Balthasar, Thelma Buabeng) dezentralisieren die Kämpfe ihrer Eltern. Ehrgeizig werden die Konflikte verlagert und ausgebaut. Manchmal schneidet die Musik von James Christopher Douglas und Thomas Gerber direkt ins Gehirn, die Älteste erträgt ihre Tochter nicht, frau findet Frau seltsam. So reden die beiden miteinander:
„Willst du was?”
„Was sollte ich wollen?”
„Was weiß ich, ein Grab vielleicht!”
 
Auch das Gespräch der jüngeren Mutter mit ihren Töchtern würzt Grobheit:
„Du hast die grauen Haare deines Vaters geerbt.“
„Dich habe ich auch nicht gewollt und du bist trotzdem da.“
Bevor ich es vergesse, es steckt Migrationsgeschichte im Stück. Die Oma kommt aus einer Ferne, die den westlichen Lebensstil der Enkeltöchter exponiert. Den Anlass der Zusammenkunft liefert Nouruz - das iranische Neujahrsfest. Autorin Reihaneh Youzbashi Dizaji recherchierte für ihr Stück im Familien- und Bekanntenkreis. Sie befragte Iranerinnen, ihre Antworten wurden zu Dialogen, die zu denken geben.

 

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