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Livekritik zu

SSV (SAISON SEX VERBOT) LYSISTRATA

17.12.2014 - 21.12.2014 | Berlin [ Prenzlauer Berg ] / Brotfabrik (Bühne)
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Jamal Tuschick
am 18.12.2014

Die Fäden eines Streits

„Lysistrata“ – Ein rasantes Schauspiel nach Aristophanes und Michael Duckstein-Neumann in der Brotfabrik Weißensee

„Wie? Die schwierigsten Fragen der Politik / Wollt ihr törichten Frauen behandeln.“

Das erscheint wider der Natur, in der sich die göttliche Ordnung offenbart. Der Chef im Ring des attischen Universums ist gewiss nicht Feminist auf seinem Olymp. In einem Riot Grrrl-Rap der Epoche (vierhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung) wiederholt sich die Zeile „Zeus, du alter Chauvi, aus deinen Eiern machen wir ein Glockenspiel.“ Das wüsste kein Heutiger, hätte es nicht der pazifistische Autor Aristophanes in „Lysistrata“ erwähnt. Die Komödie kommt nun auf die Bühne der „Brotfabrik Weißensee“. Ihr narrativer Kern dreht sich so: Ein Krieg dauert an, die Kontrahenten liegen sich seit zwanzig Jahren in den Haaren. Sparta streitet mit Athen. Die Krieger kennen es nicht anders und wissen es nicht besser, aber ihre Frauen wollen länger nicht unbemannt die Herdstellen umkreisen. Aus der Unmittelbarkeit ihres Liebreizes schmieden sie eine politische Waffe. Mit einem Sexstreik trachten sie, den Frieden zu erzwingen.

„Lysistrata“ spielt in Athen, da treffen sich die Titelheldin und eine Delegierte aus Sparta zum Gedankenaustausch. Jasmina Wesolowski erscheint als Lysistrata wie eine Furie des Friedens. Ein roter Schopf signalisiert hemmungslose Entschlossenheit. Nix Flower Power, schließlich ist frau archaisch und von Affektkontrolle weit entfernt. Die Ich-Axt hat das Bewusstsein noch nicht gespalten, wenn eine Flöhe husten oder das Gras wachsen oder einfach bloß innere Stimmen hört, dann sprechen die Götter und nicht der Wahnsinn. Lampito, die Spartanerin, geht in der Gestalt von Christin Wengrzik genauso ab in einem Paillettenfummel. Verstärkt wird die Führungsriege von Aikaterine (Barabara Stephonson), Myhrinne (Nina Heithausen) und Kalonike (Christin Wengrzik in einer weiteren Rolle).

Eine hat einen Mann daheim, sie stellt ihn indes als nutzlos hin. Ich will das nicht vertiefen, zu schmerzlich ist das Geschlecht betroffen. Die Frauen reden so miteinander: „Du scheinst ja heute recht feucht und fröhlich zu sein.“ Sie bilden die NFfA, die Nationale Frauenfront Athen. Sie rufen eine „Saison Sex Verbot“ (SSV) aus. Lysistrata jubelt: „Wir hängen unser Hausfrauenbild ab. Wir produzieren Verweigerungserotik.“

Die Frauenführerin führt aus: „So wie man beim Spinnen aus verfilztem Gewöll / Die Fäden entwirrt und zurechtzupft / Mit behutsamer Hand auseinander sie zieht / Den herüber, den andern hinüber / So werden wir auch diesen sinnlosen Krieg / Mit verständigen Händen entwirren / Und in Ordnung bringen die Fäden des Streits: Die herüber, die andern hinüber!“

Das klingt nicht nach einer Friedensbewegung mit Funz & Schmackes. Ist aber trotzdem so eine. Da setzt es was, dass es sich einschärft den heißlaufenden Hopliten und Hippeis. Wer ficken will, muss freundlich sein und ablassen vom schweren Gerät. Repräsentiert wird die Not erzwungener Enthaltsamkeit von Uranos (Martin Langenbeck), Kinesias (Martin Wagner) - und dem wie ein Helot so erniedrigt wirkenden Gymneten Michael Duckstein-Neumann. Er dient der Sache ferner als Regisseur.

Kinesias versteht seine Myrrhine nicht mehr: „Wie kannst du so mirs machen, Böse? Folgst den Weibern da, und marterst mich, und quälst dich selber mit?”

Die Frauen wünschen sich Jamas und nehmen Zuflucht zum Alkohol. Sie bespielen die phonetische Naht zwischen „amazon“ und Amazone. Sie besetzen die Akropolis und bemächtigen sich der Kriegskasse: „Bitte Schätzchen, reich mir den Schatz.“ Sie bekämpfen die Sehnsucht nach ihren Männern oder irgendwelchen Männern mit dem Trost, den Frauensolidarität bietet.

Lampito: „Ich treib’ auch fleißig Sport. / Und meine Füße schmeiß’ ich bis zum Hintern.”

Lysistrata: „Wie rund und wohlgeformt ist deine Brust!“

Lampito: „Die Hände weg! Das Fummeln mag ich nicht!“

In der Zwischenzeit hören die Männer auf, sich zu bekämpfen und fangen an, sich zu besteigen. Sie machen nicht Halt vor ihren Feinden, Spartaner diskutieren mit anderen Griechen über die Rollenverteilung auf dem Schlachtfeld der Liebe. Die Frauen haben gewonnen, doch um welchen Preis. Nein, keine Sorge, die Inszenierung endet mit der Seligkeit aller. Sie geht der Wahrnehmung leicht von der Hand, es ist viel Spaß im Spiel mit Schoten und Zoten.

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Antike Frauenpower

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