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Livekritik zu

Schwarz tragen

24.09.2013 - 21.04.2014 | Berlin [ Kreuzberg ] / Ballhaus Naunynstrasse
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Jamal Tuschick
am 26.09.2013

WG im Ausnahmezustand der Normalität

Branwen Okpako inszeniert „Schwarz tragen“ zum Höhepunkt des Black Lux-Festivals im Berliner Ballhaus Naunynstraße

 

Da kommt Eric, er hat sein Verfallsdatum als Körperteile-Modell überschritten. Sichtbar stets nur bis zu einer Kante. In der Gegenwart von „Schwarz tragen“, dem ersten Stück der Schauspielerin Elizabeth Blonzen, fasst Eric beruflich höchstens Fuß noch in Gummistiefeln: „Wenn du für Gummistiefel wirbst, glaubst du, das sei ein Statement für die Community.“

Man sieht aber nur Gummistiefel. Doch als Teilnehmer am öffentlichen Geschlechtsleben steht der Dreißigjährige hoch im Kurs. „Speed Dating“ kriegt eine besondere Bedeutung, wenn Eric im Spiel ist. Seine Potenz wird gebucht, er erschöpft sie in bis zu acht Verabredungen pro Tag. Eric weiß: „Jede Möse ist anders.“ Er könnte über die Unterschiede promovieren. Eric erwägt seine Biografie unter dem Titel „Ein Schwanz packt aus“ zu publizieren.

Ernest Allan Hausmann spielt Eric als polierte Oberfläche. Ständig wirft sich Eric in Schale. Immer ist er auf dem Weg zum Flughafen, ein Realitätsflüchtling auf Reisen. Eric lebt mit Cyrus, Vicky und Joy in Wohngemeinschaft und Harmonie. Cyrus ist der Doyen des Konvents, ein abgeklärter Sugardaddy mit melancholischen Anwandlungen. Thomas B. Hoffmann spielt Cyrus als ausgleichende Persönlichkeit. Cyrus gibt den Hausmeister eines Glücks im Winkel. Er garantiert einen „safe place“. Cyrus lässt mich an eine Einsicht denken, die im Ballhaus Ost zur Inschrift wurde: „Man ritzt verträumt am Querschnitt der Gesellschaft und will sich selbst einrücken.“

Vicky studiert Jura, sie will „die erste schwarze Bundesrichterin in Deutschland werden“. Sheri Hagen spielt Vicky vom Ehrgeiz verstrahlt. Notorisch realitätstüchtig als sportliche Erscheinung.

„Ein ganz normaler Tag“, so heißt es in der Legende. „Schwarz tragen“ erzählt diese Normalität als Ausnahmezustand aus der Küchenperspektive. Die Kaffeemaschine kapriolt, und Joy wähnt sich schwanger. Hauptsache schwanger. Egal von wem.

Das ist Joys Zustand: sich schwanger zu fühlen, es aber nicht zu sein. Thelma Buabeng zeigt Joy als Hingerissene im Wechselspiel zwischen Verzweiflung und Überschwang. Ihr Credo lautet: „Die einzige Möglichkeit, die Welt zu verändern, ist, ganz viele schwarze Babys zu bekommen.“

Keine Anzeige nach einem Angriff

Joy strebt zum Film, sie durfte schon einmal eine Asylbewerberin spielen. Ihr Text erschöpfte sich in dem Wort „Hilfe“.

Die Wohngemeinschaft bespricht den Alltagsrassismus in den Tonfällen des Selbstverständlichen. Ein Angriff, der nicht zur Anzeige gebracht wird, „wir wissen doch, wie das läuft.“ Die Polizei vertritt lediglich den Pöbel in der Legalität. Die chefige Bezeichnung „Nicht-Arierin“, „da kommt ja meine schönste Nicht-Arierin“, als Auswurf weißen Humors. Und wehe, man versäumt ein Lächeln und gibt sich als angepisst zu erkennen.

Das Stück rotiert um Rituale der Geborgenheit. Man teilt sich mit ohne den Druck der Differenzerfahrungen im Außerhalb der Mehrheitsgesellschaft. Das Gespräch streift Flori. Flori studiert Kommunikationsdesign, der Student möchte einziehen. Ein Weißer im „Schutzraum“! Denn so verstehen Cyrus, Eric, Vicky und Joy ihre Wohngemeinschaft. Joy zweifelt: „Wenn ich mir vorstelle, ich komme morgens zum Frühstück, und da sitzt ein Weißer.“

Vicky: „Ich will mich hier fühlen wie zuhause.“

Eric: „Ich will wenigstens an Ort und Stelle nichts erklären müssen.“

Cyrus: „Nur wir unter uns: das ist Getto.“

Ein toter Ex-Genosse schaltet sich aus dem Off ein. Frank war schwarz & schwul, er plädiert für Toleranz mit dem weißen Flori.

Zuerst erschienen: http://www.kultura-extra.de/theater/feull/premierenkritik_schwarztragen_...

 

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