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Livekritik zu

Schizo!

29.10.2013 - 30.10.2013 | Berlin [ Kreuzberg ] / Ballhaus Naunynstrasse
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Jamal Tuschick
am 01.11.2013

Chillen in der Zwangsjacke  Talent trifft Theater – Das Zukunftslabor im Berliner Ballhaus Naunynstraße, die „Akademie der Autodidakten“, serviert ein Singspiel für zwölf Spieler: „Schizo!“  Sie heißen Sakina Abushi, Musa Arzuev, Fanny Dehnkamp, Karin Gäbel, Serena Gregorio, Manuel Hoffmann, Aron Kamil, Ya-Hui Kuan, Mehmet Küçük, Hong-Nhi Le, Takako Suzuki und Hannah Valentin. Auf der Ballhausbühne spielen sie verrückt. Sie spielen, was man allen Ernstes kriegen kann, wenn einem der Konformitätsdruck über den Kopf wächst und das Drama der Einzigartigkeit als vom Schicksal persönlich zugestelltes Paket sich seltsam entfaltet. Man wurde sich selbst in die Schuhe geschoben, das kann nicht gut gehen. Auf einer psychiatrischen Mondstation begegnen sich ADHS, DMDD und bipolare Störungen bei der Tablettenausgabe so wie im Küchendienst. Die Verrücktspieler toben sich in der Musiktherapie aus, doch lieber wären sie zu Hause bei ihren problematischen Eltern. Zunichte machen sie sich gegenseitig ihre Hoffnungen. Zugleich suchen sie Nähe in der Gruppe.  „Ich bin ein menschlicher Verkehrsunfall in einem Ozean voller Angst.“ Das sind zwei Zitate, montiert zu einem Satz. Geladen ist die Lage, die den Worten eine Umgebung stiftet. Man überbietet sich im Wettbewerb der Abweichungen.  Devianz und Diät  Erst stellt man sich auf die Waage, dann läuft man gegen die Wand. Bulimie bedeutet Autonomie. So lässt sich der Rivalin vorwerfen: „Du kannst ja gar nicht richtig kotzen.“Mit Sport integriert man sich in die kleine Einheit des Selbst. Es wird geboxt – und mit den Armen gerudert.   Paranoia und Pubertät  Eine hat zehntausend Euro in Blumen gesteckt und ihr Elternhaus in einem Dschungel verwandelt. Das Bühnenbild changiert zwischen Turnhalle, Schlafsaal und Käfig, das Blumenkind träumt davon, im winterlichen Müggelsee zu schwimmen. Neben ihr leidet einer unter posttraumatischen Belastungsstörungen, „nach ein paar notwendigen Exekutionen“. Die privaten Höllen kühlen im Medikamentenhimmel ab, die Insassen sedieren sich mit „Wahrheit oder Pflicht“.   Drei Monate lernten die Akademieabsolventen Krankheitsbilder in Frage zu stellen. Ob Bulimie oder Borderline: Regisseurin Salome Dastmalchi legte ihnen die Einsicht nah, dass die Pathologisierung von Verhalten mit gesellschaftlichen Erwartungen zusammen- und folglich vom Herrschaftstext (ab)hängt. Als Thema der Migrationsforschung haben die Beziehungen zwischen Abweichung & Deutungshoheit auf jeden Fall Zukunft. Ich finde es gut, dass im Ballhaus Naunynstraße immer wieder das Bewusstsein für solche Tücken im Kulturkampf geschärft wird. Der Kampf geht weiter.  Die Besprechung erschien zuerst auf Kultura: http://www.kultura-extra.de/literatur.php 

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