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Livekritik zu

Iwanow

18.02.2013 - 04.02.2015 | Berlin [ Mitte ] / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
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Jamal Tuschick
am 02.10.2013

Was an der Liebe Übertreibung ist, widerspricht ihr – Eine Inszenierung aus dem Jahr 2005 steht auf dem Spielplan der Berliner Volksbühne: Anton Tschechows „Iwanow“ in der Regie von Dimiter Gotscheff.

Ende des 19. Jahrhunderts irgendwo in Russland – Anna Petrowna gab alles, was Herkunft und Schönheit ihr versprach, hin für einen Mann, der sie nicht lange liebte. Das Glück liegt in der Vergangenheit. In der Gegenwart legt der Mann bei jeder Gelegenheit die Zügel der Höflichkeit ab, Nikolai Alexejewitsch Iwanow markiert eine ehrliche Haut. Er hat sich geirrt und das sagt er auch seiner todkranken Frau. Die Nächste wünscht er sich mausgrau. Was an der Liebe Übertreibung ist, widerspricht ihr, weiß Iwanow aus Erfahrung mit seiner vor Ergebenheit tropfenden Anna. Für seine rohe Art wird er von Annas Arzt Jewgeni Lwow mit Vorwürfen eingedeckt. Doch die schwersten Vorwürfe macht Iwanow sich selbst. Der heruntergekommene Gutsherr hält sich – nach einer Mode seiner Zeit – für einen „überflüssigen Menschen“. Er erzählt das gern seinem Verwalter, dem fähigen Borkin. Milan Peschel spielt diesen Überwinder feudaler Herrschaftsverhältnisse so: als betriebe er seine Geschäfte in Berlin am Bahnhof Zoo.

Die Bühne ist Öde bis zum Horizont. Eine Nebelbank lastet auf der Verödung. Ein Spiel in den Wolken beginnt. Wie Lenz steigt Iwanow durch das Gebirge seiner Lebensmüdigkeit. Samuel Finzi spielt ihn grausam vor Langeweile. Iwanow ist der expressive Überdruss in Person. Almut Zilcher spielt Anna Petrowna – manchmal mit stutigem Aufbegehren. Doch lieber gibt sie den sterbenden Schwan. In einer Assoziation eingesessener, von Klassenschranken verhafteter „Waschlappen“, das Wort fällt immer wieder, kriegt die konvertierte Jüdin keine Anerkennung. Auch an ihrer Liebe wird vorbei gespielt. Die antisemitische Gesellschaft formiert sich zu karnevalesken Umzügen. Sascha Lebedewa, Tochter eines „boshaften Rettichs“, möchte sich von Iwanow das Herz brechen lassen. Birgit Minichmayr spielt Sascha im ewigen Vorschulalter als naive Rakete. Sie sagt: „Männer haben ihre Arbeit, die Frauen haben nur die Liebe.“

Frauen suchen Männer, die zur Vergeblichkeit ihres Themas passen. Die Männer verzichten auf Verständnis. Iwanow widersteht Saschas Überfällen, Sascha stürmt den Mann, sie reitet auf, ihre Liebes-Anfälle stürzen sie in den  Abgrund seiner Lethargie. Saschas Vater, der alte Lebedew, hält die Freundschaft zu Iwanow höher als die Familie. Wolfram Koch spielt den Kumpel aus einer Ära des Reformwillens als Poltergeist im Leerlauf. Er will lieber Komplize sein als Gemahl.

Gotscheff entzieht dem Stück die Konfliktkoordinaten seiner Entstehungszeit, er bietet „Iwanow“ aber auch keine jüngeren Anker. Seine Protagonisten dreschen Spreu. Sie sind die letzten Menschen und mit dem Lauf des Lebens nur noch ephemer und rituell verbunden. Der Regisseur suggeriert eine irreale Zeit, Gotscheff schafft so etwas wie einen entleerten Epochenbegriff als Panorama. Man ahnt das 19. Jahrhundert auf der Bühne, nur sagt es einem nichts mehr. Am Ende fallen alle aus allen Wolken vom Himmel. Es regnet Selbstmorde.

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Die Protagonisten dreschen Spreu

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