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Livekritik zu

Grillen im Kopf

03.12.2014 - 07.12.2014 | Berlin [ Prenzlauer Berg ] / Ballhaus Ost
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Jamal Tuschick
am 04.12.2014

Massaker mit Gemüse

Der ökonomische Tod des Künstlers als Zivilisationsbruch - Elettra de Salvo inszeniert am Berliner Ballhaus Ost das Solostück „Grillen im Kopf“

Ein Seziertisch macht Furore. Carlo Loiudice verharrt davor wie erstarrt in einem Lavastrom. Seine Stille füllt den Raum. Er stellt eine Skulptur wie aus Pompeji oder von Giacometti dar. Nur Elektrikgeräusche erinnern an ein Leben vor dem tiefen Schlaf. Sie erinnern an einen Schrei … „before I sink into the big sleep I want to hear the scream of the butterfly“ (Jim Morrison im Gespräch mit Ed Munch). Carlo Loiudice ist in seiner Rolle ein Künstler ohne Namen. Ein Robinson in seiner Vereinzelung. Wie der Mathematiker Godfrey Harold Hardy hat er in seinem Leben „nie etwas Nützliches“ vollbracht. „Eine unbezahlte Existenz“ - Ihm fehlt der Mut zum Stolz. Lieber mutiert er zu einem Mann der schlecht bezahlten Tat. Zum Freitag in seinem Eifer. Der Künstler kapituliert in der Schürze, die Küche bedeutet.

Man kann ihn auch so sehen: pleite und blasiert. „Ich bin ein kranker Mann“, sagt er. Nun drängt er in die Normalität. „Lass dir die Künstlergrillen aus dem Kopf schlagen“, rät er sich. Mach was Nützliches, sei servil.

„Grillen im Kopf“ fragt: „Welche Berechtigung hat künstlerische Arbeit am globalisierten Markt, wo Gewinn und Maximierung an erster Stelle stehen? Wie viel zugänglicher Gestaltungsraum bleibt in der sogenannten „new liberal economy“ für kreative Berufe und künstlerische Arbeit? Muss einer neoliberalen Welt … eine „Ästhetik des Widerstands, eine Ästhetik des Aufstands“ (Hans-Thies Lehmann) entgegen gesetzt werden? Ist das nicht die erste Aufgabe jeder künstlerischen Arbeit?“.

Grundlage des Stücks ist ein in Italien ausgezeichneter Text – „L’Orologio è Rotto“ von Nora Cavaccini. In Kollaborationen von Literatur und Theater steckt ein großes Glück. Wie nach einem Atomschlag! So stelle ich mir eine Welt vor, in der solche Schäume aus dem Schweigen des Schriftstellers und dem Schweiß der Bühne ökonomisch unmöglich sind.

In der Gegenwart von „Grillen im Kopf“ lassen sich Flausen chirurgisch entfernen. Die Begabung wird mit der Hybris beseitigt. Eine Ataxie tritt auf, der Seziertisch verkümmert zur Ablage. Der Künstler ist jetzt Küchenhelfer, einem Kohl haut er den Kopf entzwei. Beim Zerschneiden von Gemüse gibt er sich Gewaltfantasien hin. Erst reisst er sich am Riemen, dann reisst sein Geduldsfaden. Der Künstler wird als Küchenhelfer zu einer närrischen Person. Die Person sagt: „Ich bin zu allem bereit.“

Die Person zeigt ihre Verfügbarkeit an. Sie zerlegt andere arme Würstchen. Sie behandelt Würstchen mit der Schere. Carlo Loiudice verkörnt die Wassermusik der deutschen Sprache im italienischen Sprachfluss. Als sei Italienisch eine Freiheitssprache und Deutsch die Amtssprache der Fremdbestimmung. Carlo Loiudices Modulation exponiert den Unterschied zwischen „macht“ und „Macht“. In seiner Ohnmacht geht der Ex-Künstler dazu über, Lebensmittel zu exekutieren. Er richtet ein Massaker mit Gemüse an.

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Sehenswertes Plädoyer für Kunst im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit

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