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Livekritik zu

Emel Zeynelabidin Lesung

10.10.2013 | Berlin [ Kreuzberg ] / Ballhaus Naunynstrasse
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Jamal Tuschick
am 11.10.2013

Religiöse Selbstbestimmung – Emel Zeynelabidin liest im Berliner Ballhaus Naunynstraße aus ihrem Buch „Erwachsen wird man nur im Diesseits“

„Ich komme aus dem Schoss des islamischen Gemeindewesens“, verkündet Emel Zeynelabidin. Sie lächelt so, dass man gleich Bescheid weiß: Verbindlich im Ton, hart in der Sache. Ihr Vater hat die deutsche Sektion von Milli Görüs gegründet und seine Tochter erst auf ein katholisches Mädchengymnasium geschickt und dann in eine arrangierte Ehe geführt. Die Ehe wurde schließlich geschieden. Das beschreibt keinen Lebenslauf im Din-Format der Migration.

„Dreißig Jahre lang war ich verhüllt“, sagt Emel Zeynelabidin. Der geneigten Mehrheitsgesellschaft wird sie als Kommunikationsexpertin vorgestellt. Sie selbst sieht sich als Pionierin. Sie war Mitbegründerin des ersten islamischen Kindergartens und einer islamischen Privatschule.

„Sicher und einfach“ sei das Leben „als funktionierendes Gemeindemitglied“ gewesen. „Wir sprachen alle dieselbe Sprache.“

Vor acht Jahren entschied sich Emel Zeynelabidin „für ein Leben in Unauffälligkeit“. Sie legte das Kopftuch ab, der Singular ist symbolisch. Tatsächlich vermachte sie die Tücher dem Bonner Haus der Geschichte. Darunter „ein Schlupfmodell aus einem elastischen Stoff, was man als Kapuze überziehen kann, dann hatte ich mein Haubenmodell - das war mein Lieblingsmodell - und dann gab es noch die Hutmodelle, wo wir also einen Hut noch versehen haben mit einem Halsteil. Das waren schicke Kopfschmuckkreationen.“ Zitiert aus einer Sendung des Deutschlandradios.

Der Gemeinde galt sie „als Abtrünnige“. Nach ihrer „Enthüllung“ habe sie „den Weg der religiösen Selbstbestimmung“ fortgesetzt. Die Autorin lässt keinen Zweifel an ihrer muslimischen Identität. Ihr geht es um eine zeitgenössische Interpretation der Religion und um Frauenrechte. Sie fragt: „Was wird muslimischen Frauen aufgebürdet? Warum müssen sie ihr Glaubensbekenntnis in die Öffentlichkeit tragen? – Während das doch keinem Mann zugemutet wird.

Emel Zeynelabidin sagt: „Die Verhüllung reduziert den Menschen auf eine Person ohne Geschlecht.“

Sie formuliert ihre Thesen in Opposition zu „einem uniformen Denken“ und im Widerstand gegen die alttestamentarische Vorstellung vom strafenden Gott. Die Heiligen Schriften könnten Gottes Willen nicht erschließen, sondern nur deuten. Emel Zeynelabidin erzählt wie „die Verhüllung“ in die islamische Welt kam: als Merkmal der Unterscheidung zwischen „gläubigen Frauen“ und ungläubigen Sklavinnen. Es diente dem Schutz der Gläubigen und verlangte Achtung vor ihnen. Der Sklavenhandel hätte auch gleich mit einem Achtungsgebot der menschliche Ware belegt werden können, doch das gab der Zeitgeist nicht her. Interessant finde ich die Formulierung: „Indem sich die Frauen verhüllten, sollten sie erkannt werden.“

Emel Zeynelabidin schließt auf das Gang & Gäbe der Gegenwart: Die Verhüllung mache die Unverhüllten den Sklavinnen von gestern gleich. Das käme heraus, wenn man „praktische Maßnahmen“ einer älteren Epoche „heute politisiert“. Und so geht es weiter im Vortrag: „Der Koran ist Sprache. Sprache muss interpretiert werden.“

Pionierin Emel Zeynelabidin versteht auch den Propheten als „Pionier“. „Er hat die Frauenrechte eingeführt.“ Das erinnert mich an palästinensische Soziologiestudenten vor dreißig Jahren, die eben so argumentierten. Damals interessierte das keine. Die Debattenfronten verliefen anders.

Emel Zeynelabidin wirft den muslimischen Männern vor, „Mohammeds Erbe veruntreut“ zu haben. Sie betrögen „Frauen um ihr diesseitiges Leben“. Ihnen müsse man „die Leviten lesen“. Ich sehe mich im Publikum um, ob sich jemand offenbar angesprochen fühlt. Doch da sitzen bloß die üblichen Verdächtigen aus der Mehrheitsgesellschaft und der fortschrittlichen Migration.

Emel Zeynelabidin, „Erwachsen wird man nur im Diesseits“, Verlag 3.0., 2013, Euro 12.95,-

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