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Livekritik zu

Die bitteren Tränen der Petra von Kant

07.09.2013 - 22.10.2013 | Berlin / Schaubühne am Lehniner Platz
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Jamal Tuschick
am 13.09.2013

Rainer Werner Fassbinder hatte ein Faible für Klatschspalten, Demimonde- und High Society-Tratsch, er fand Johannes Mario Simmel und den schon wieder vergessenen Willi Heinrich als Erzähler vorbildlich. Im Jahr der Verhaftung von Andreas Baader drehte Fassbinder einen Film an den Themen der Zeit vorbei. Wenig konnte der Willy Brandt-Ära („Mehr Demokratie wagen“) mit ihren Berufsverboten und dem Radikalenerlass ferner sein als „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Die Milieustudie war zuerst von Peer Raben in Frankfurt auf die Bühne gebracht worden. Sie berichtet im Kammerspielton von Verhältnissen am reichen Rand der Gesellschaft. – „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ in einer landläufigen Variante.

Nun inszeniert Patrick Wengenroth die „Bitteren Tränen“ an der Berliner Schaubühne. Im ersten Bild sieht man ihn und Matze Kloppe tierisch über die Bühne streichen. Als gescheckte Kater spielen und singen sie „Lovecats“ von The Cure. Das nächste Bild zeigt die aufgezäumte Petra von Kant in symbiotischer Gemeinschaft mit ihrer Zofe Marlene. Die stumme Rolle der Devoten hat sich Patrick Wengenroth mit Schnurrbart und Strapsen gegeben. Vielleicht zitiert er Fassbinder in Frauenkleidern.

Marlene dient an einem kaskadisch aus der Raumtiefe geschnittenen Flokati-Hof, man vermutet Prilblumen auf himmelblauen Kacheln im subalternen Sanitärlager. Jule Böwe spielt die Herrin exzentrisch erschöpft. Sie empfängt Sidonie von Grasenabb. Das ist eine Frau, die Männer Geld bluten lässt. Die brünette Baronin geht so unter die Leute wie andere mit dem Lustkreis in die Polygamie. Lucy Wirth spielt sie als eine vom Kapitalismus gehärtete Franziska Linkerhand. Franziska bezeichnet auch eine Wurfaxt der Merowinger, ich glaube, so kam ich auf den Vergleich. Sidonie findet die Freundin verhärtet. Die Verhärtung erklärt sie mit zu wenig effektiven Männern als Puffer zwischen Petra und der Realität: „Man hat als Frau doch seine Möglichkeiten“.

Außerdem spielt Lucy Wirth die gnadenlos ehrgeizige, von Petra als Mannequin popularisierte Elevin Karin Thimm – in einem Wechselspiel der Perücken. Die dominante Modeschöpferin gerät in ein Hörigkeitsverhältnis zu ihrem durchtriebenen Geschöpf. Karin geht bei der ersten Gelegenheit fremd, sie ist außerdem verheiratet. Petra platzt vor Eifersucht. Sie nennt die Geliebte „eine miese Hure“, Karin kann ihr trotzdem nicht helfen. Die Verlassene verlässt sich auf Gin. An ihrem Geburtstag kreuzt Tochter Gabriele (Iris Becher) auf und langweilt mit den Banalitäten adoleszenter Liebe. Alles ist schön anzusehen, das reicht doch für einen Abend.

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„Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ auf deutsch und mit allen Schikanen

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