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Livekritik zu

Der Auftrag von Heiner Müller - Teil der -Festspiele

23.02.2013 - 14.04.2013 | Berlin / bat-Studiotheater
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Jamal Tuschick
am 19.03.2013

Erinnerungen an eine Revolution
auf der Studiobühne der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch
„Der Geruch der Revolution ist ein Parfüm aus Stallmist“- ätzend & güllig.

 

Für Gläubige war Heiner Müller ein Kommunist zum Fürchten. Nach einer französischen Vorstellung des „Auftrags“ in den 1980iger Jahren beging der kommunistische Kritiker von Lyon sofort Selbstmord. Ein Vierteljahrhundert nach der Uraufführung 1980 kursierte bei der Gelegenheit einer von Ulrich Mühe an der Volksbühne inszenierten Jubiläumsausgabe im Berliner Handel kein Exemplar mehr jenes Werkausgabe-Bandes, der den „Auftrag“ versammelt. So gründlich hatte sich das Publikum präpariert. So erheblich schien die Frage der Gültigkeit knapp zehn Jahre nach Müllers Tod.

 

Die Abwägungen des „Auftrags“ finden auf der Studiobühne der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in der Regie von Magali Tosato und im superb verschneiten Februar 2013 statt. Sie beginnen mit dem Ende in einer Ananas Bar voller Airbag-Titten – postlagernd Port Royal.

 

Für die Studierenden könnten Müllers produktive Missverständnisse in der abtauenden Eiszeit des Kalten Kriegs jederzeit so naheliegend wie Mondgestein sein. Sind das nicht tief erkaltete Risse in den Magma - Krusten der Geschichte? Was im „Auftrag“ steht, stand umgehend im Zweifel der Zeitgenossen. „Der Auftrag“ handelt von drei temporär republikanischen Brandstiftern, ihren Namen nach heißen sie Debuisson, Galloudec und Sasportas.

 

Debuisson, Galloudec und Sasportas sollen in revolutionärer Absicht einen Aufstand der unter Zwang eingeführten Bevölkerung von Britisch-Jamaika lostreten. Die Delegierten des französischen Konvents erfahren dann, dass die Revolution von Napoleon für beendet erklärt wurde. Nach dem 18. Brumaire 1799 steht fest: „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Sie ist bankrott“.

 

„Die Freiheit trägt jetzt Uniform“ und Debuisson, Galloudec und Sasportas haben keinen Auftrag mehr. Das führt zu interessanten Gesprächen über das „Joch der Freiheit“ und ein „Heimweh nach dem Gefängnis“.

 

Debuisson, Galloudec, Sasportas und Antoine bilden auf der bat-Bühne einen lockigen Chor, sie wirken wie aus einem Casting der schwingenden Sechziger hervorgegangen. Sie singen: „Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution“.

 

Das hört sich gut an und sieht auch so aus. Was, wenn Bushido sich HM vornehmen würde? Damit könnte er womöglich durchstarten wie Heino mit einer toten Hose auf Hawaii.

 

Debuisson, Galloudec und Sasportas wissen: „Die Freiheit ist auch nur eine Hure“. Trotzdem treiben Sasportas und Galloudec der Sklaven Erhebung weiter voran. Christophe Vetter spielt Sasportas´ geschundene Haut als auch mimisch Haken schlagenden, demnach grimassierenden Schlingel – immer auf der Flucht und in Verkleidung. Die Niedrigkeit bleibt einfach bei Jean Sasportas. - Mit der man sich als Debuisson (Felix Maria Richter) im weißen Anzug gar nicht abgeben müsste. Zumal jetzt nicht mehr, im Jetzt von 1800, da die Gleichheit aus der Mode gebracht von dem Bonaparte. Da kann man – als geborener Sklavenhalter - seinen Standesdünkel und andere Weisheiten … „Die Sklaverei ist ein Naturgesetz“ … wieder aus dem alten Hut eines Tropenhelms zaubern. - Wenn man denn ein Debuisson ist, scheint einem fern „Das Licht auf dem Galgen“. Auf diese A. Seghers-Erzählung bezieht sich HM im „Auftrag“.

 

So wird das erzählt: Ein Seemann, sehr sportlich gespielt von Jan Breustedt, stellt dem elastischen Pullunder-Jakobiner Anton Weil aka Antoine unter dramatischen Umständen, man ahnt einen Orkan und tausend Gefahren, es wird auch gerudert, eine letzte Nachricht des definitiv auf Kuba ausgeschiedenen Galloudec zu. Antoine verleugnet die Freundschaft zu Galloudec erst, dann gibt er sie zu. Eine Frau ist so freundlich, sich für Antoine zu interessieren. Die „erste Liebe“ spielt Kara Schröder als unglaubliche Person zwischen Engel und Mutter - „Wenn ich tot bin, wird mein Staub nach dir schreien“- verleugnet von Antoine, der sie mit der Revolution einst betrog. Die Revolution ist Schnee in den Pappnasen von gestern, es bleibt jedoch die Frage: Wie handelt man, wenn nichts angeordnet ist, was nicht nur befohlen heißt.

 

Im Arsch der Bourbonen

 

Ich glaube, Heiner Müller ist auch deshalb in der DDR geblieben, weil die Staatsmacht sein Leser da war. Die Fundamente der Zukunft einer neuen Gesellschaft mit viel Karibik sind von allem Anfang ruiniert. Das 3. Studienjahr spielt in einer Sperrholz-Kreuzworträtsel-Kästchen-Landschaft, es ragt nichts auf – außer dem Rassismus und einer Leiter zum Balkon. Da ist „der Freiplatz im Bordell“, vermutet wird er als Lieblingsstelle von Galloudec nicht unter „den Negern aller Rassen“ auf den Antillen, sondern „im Arsch der Bourbonen“.

 

Kein Gandhi in geil

 

Kann man durch Schauspieler Texte jagen wie Stromstöße? Galloudec ist ein Weißer im Käfig, der geborene Knecht, ein bretonischer Bauer, anschaulich heruntergekommen im Spiel von Jan Gerrit Brüggemann. Immer wieder der Hundeblick, alles so schwer. Nein, Galloudec ist kein Gandhi in geil.

 

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