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Livekritik zu

In den Gangs von Neukölln von Christian Stahl

07.10.2014 | Berlin / Tucholsky Buchhandlung
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Jamal Tuschick
am 09.10.2014

Kick der kriminellen Energie

Eine asphaltcharismatische Karriere zwischen Gangster und Streitschlichter

Mitte der Neunziger endet eine Abschnittsverbindung im Leben des Christian Stahl. Im Zug der Trennung wird ein Umzug fällig. Man macht ihm ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann. Dafür nimmt der Journalist die Sonnenallee von Nord-Neukölln als Anschrift in Kauf.

„Da wollte ich nie hin“, erzählt er in der Tucholsky Buchhandlung. Er legt seine Hände zusammen, die altväterliche Geste begegnet einer schwungvollen Darstellung. Stahl spricht im Stehen, sein Vortrag sprengt den Rahmen einer Klappstuhlveranstaltung.

Der Neumieter lernt einen Jugendlichen aus der Nachbarschaft kennen. Yehya erscheint hilfsbereit und höflich. Er ist intelligent, einnehmend und zupackend. Ihn limitiert der sozioökonomische Status seiner Familie. Yehyas Leute kamen als palästinensische Flüchtlinge aus einem Lager im Libanon. In Deutschland bleiben sie in bloßer Duldung verhaftet. Sie dürfen nicht arbeiten und unterliegen weiteren Einschränkungen. In diesen Verhältnissen avanciert der Asphaltcharismatiker Yehya zum Anführer einer Bande. Er behauptet sich mit einem selbst nach den ortsüblichen Gewalttarifen außerordentlichen Rigorismus. Seelenlos findet man seine Härte. Er fasst Vertrauen zu Stahl, der erst einmal von der Beobachtung überrascht wird, dass sein junger Freund auf der Straße Angst und Schrecken verbreitet.

Der Autor skizziert eine Laufbahn vom Einserschüler zum Delinquenten. Er zeigt Gründe für Yehyas Frustration und Anfälligkeit. In der Tucholsky Buchhandlung spricht er mit missionarischem Impetus darüber. Yehya reagiert auf Ausgrenzung mit Aggression. Er besucht die Rütli-Schule, die institutionalisierte Unterforderung beleidigt seine Intelligenz. Die Polizei führt ihn als Intensivtäter, da ist er vierzehn. Yehya fühlt sich ausgezeichnet, die Würdigung seiner kriminellen Energie macht ihn zum Milieu-Aristokraten. Zugleich sucht er seine Chancen in der Legalität. Yehya weiß, dass er als Gangster mit Glamourfaktor auf dem Holzweg ist. Trotzdem beteiligt er sich an einem Überfall. Stahl besucht ihn im Gefängnis, er dokumentiert Yehyas Karriere in einem Film – „Gangsterläufer“. 2009 wird Yehya auf freien Fuß gesetzt und verwandelt sich umgehend in einen akkreditierten Streitschlichter. Er strebt eine Fortsetzung seiner schulischen Ausbildung an, ihm wird eine befristete Aufenthaltserlaubnis in Aussicht gestellt. Alles zerschlägt sich, inzwischen sitzt er wieder.

„In den Gangs von Neukölln“ beginnt mit der Urteilsverkündigung. Yehya wurde von einer Moabiter Jugendkammer zu sechs Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Stahls Held glänzt folglich mit Abwesenheit in der Tucholsky Buchhandlung. Der Autor lässt keinen Zweifel daran, dass er Yehya für einen Kriminellen hält. - Nur eben für einen deutschen Kriminellen ohne deutsche Papiere.

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