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Livekritik zu

Berlin - Ecke Schönhauser

07.09.2013 - 07.12.2013 | Berlin [ Prenzlauer Berg ] / Ballhaus Ost
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Jamal Tuschick
am 17.09.2013

Ursula Werner erzählt den Prenzlauer Berg im Berliner Ballhaus Ost

Berlin – Ecke Schönhauser“ war eine Antwort der DEFA auf die westdeutschen „Halbstarken“. Der Film aus dem Jahr 1957 erzählt von Jugendlichen im Prenzlauer Berg. Unter der U-Bahn-Brücke der Schönhauser Allee beanspruchen sie eine Tagungsfläche. Ihre häuslichen Notlagen übertreffen die Tristesse im Allgemeinen.

In der Retrospektive wirkt der Film wie ein Formenarsenal der Wiederaufbau-Ästhetik mit kleinbürgerlichen Vorzeichen. Dieter, Kohle, Karl-Heinz und Angela sind Schwarzmarktkinder, herangewachsen in Milieus der Überlebenskriminalität. Sie waren schon einmal freier, nun reiben sie sich an Autoritäten, die sie nicht anerkennen können. Sie stellen ihren Mut auf Proben. Sie prüfen die Formate ihrer Zukunft hart an der Demarkationslinie des Kalten Kriegs. Für eine Westmark wirft Kohle den ersten Stein. Sein Leben ist Flucht vor dem süchtigen Stiefvater. Ihm bedeutet Freundschaft so viel, dass er daran sterben wird.

Im Bauch dieses Dramas von Gerhard Klein und Wolfgang Kohlhaase steckt eine Farce: Ein unsicherer Staat begegnet verunsicherten Jugendlichen mit unglaubwürdiger Autorität. In einer Adaption mit den Mitteln des Marionettentheaters kommt die Farce im Ballhaus Ost zum Vorschein. Regisseur Christian Weise verlegt die Geschichte – auf einer Folie der schwäbischen Migration – in die Gegenwart. Im Film klaut Karl-Heinz Papiere und erschießt einen Mann. Er taucht unter, erpresst die vermögenden Eltern, bedroht die Freunde – Kohle streckt ihn nieder. Im Theater heißt Karl-Heinz Max, seine Eltern sind Bio-Millionäre. Der Sohn sucht die Nähe zum organisierten Verbrechen bei den Greisen am Bahnhof Zoo.

Ein Latino-Jonny gibt Kohle. Milan übernimmt die Rolle von Dieter dem Gutmütigen. Dem schwerfälligen Schwängerer. Milan macht das Mädchen unter der Brücke zur Mutter. Das spielen Sebastian Arranz, Jan Lennart Krauter, Anna & Hans-Jochen Menzel und Julian Steinberg mit Puppen dem Publikum vor. Die Puppen exaltieren sich an ihren Fäden, sie hauchen den Strippenziehern ihr Leben ein. Es ergeben sich lauter Verdopplungen. Die Schauspieler spielen mit den Puppen um die Wette. Vorab und gelegentlich sagt Ursula Werner eine Urgesteinssaga auf. Die Klempnertochter ist im Prenzlauer Berg aufgewachsen und da wie in Jahrhunderten immer tiefer eingestiegen. Ihre Mutter hat nach Berlin geheiratet, wohnte dann in Mitte, der Vater wohnte im Krieg. Bis Onkel Fritz eine Wohnung in der Greifswalder Straße besorgte. Da ging es gleich vom Hof in die Küche. Zeitungspapier unterm Linoleum. Was man so Teppich nannte. Es gab mehr Ruinen als Wohnungen, die Ruinen waren verbotene Spielplätze. Was man so verboten nannte. Jungen schleuderten Milchkannen, Uschi wunderte sich: „Die Milch steht Kopf, wieso fällt die nicht?“

Als Schauspielerin war Ursula Werner Jahrzehnte am Maxim Gorki Theater, im Ballhaus Ost beleuchtet sie ihrer Kindheitsspielplätze, als wären das fantastische Orte gewesen. – Bevor die Schwaben kamen. – Vor einer Unterwanderung und Überformung in den Umzügen der letzten Völkerwanderung.

Ursula Werner spricht vor einer Projektion von Konnopke’s Wurstwahrzeichen. Es ging immer um die Wurst, ganz besonders damals, als die Care-Pakete noch aus dem Osten kamen und das ganze Berliner S-Bahngelände der DDR gehörte. Sagt in etwa Ursula Werner. Die Mutter war bei Osram, der Vater verlegte Rohre. Er schmuggelte Fleischwurst nach Charlottenburg. Im Ganzen, so Ursula Werner, sei der Vater „ein ulkiger Mann“ gewesen.

Siehe auch KULTURA-EXTRA, das online-magazin, am 09.09. 2013: http://www.kultura-extra.de/theater/feull/premierenkritik_berlineckescho...

 

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