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Livekritik zu

Vogler Fischer Gottmann

27.02.2013 - 02.03.2013 | Berlin [ Prenzlauer Berg ] / Ballhaus Ost
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Jamal Tuschick
am 19.03.2013

WEIBLICHER VERNICHTUNGSWILLE IM BALLHAUS OST

„Vogler Fischer Gottmann“ und Blutgrätschen als Ballett
 
Ulrike Vogler ist doppelt promoviert, jedenfalls lautet so die Legende. Sie verkauft (eher weniger) Verrückte für dumm und verdient damit genug für ein prächtiges Penthouse im Prenzlauer Berg - mit verspiegelten Klosettschüsseln. - Dem Traum des neuen Deutschlands in den Gestalten seiner Bio-Bürger. Ulrike Vogler hält sich einen Papagei namens Johann Gottmann, der bei Bedarf auch wie das perfekte Hündchen apportiert. Das ergibt die Ausgangslage in „Vogler Fischer Gottmann“, einer Komödie von Daniel Dumont. Schauplatz ihrer Premiere in der Regie des Autors war das Berliner Ballhaus Ost, gut gelegen an einer Magistrale im Prenzlauer Berg. Größere Übereinstimmungsgewinne zwischen Kunst und Leben, Kulisse und Fassade, Person und Figur, Wahrheit und Klischee, Rolle und Herkunft sind sonst nirgendwo auf der Welt zu erzielen. Doch fällt das gar nicht auf in lauter Selbstverständlichkeiten. Ist halt so. Vera Schmidt spielt die Ulrike Vogler als schrille Felicitas Krull, in sich selbst verliebt auf eine disziplinierte Weise. Der kleine Stecher ihrer zur Abwechslung tief stapelnden Wahl träumt von Veröffentlichungen, das kommt mir bekannt vor. Er gibt so was von sich: „Wenn die Menschen mich hören würden, das würde sie demotivieren für die Produktion, das ist auch der Grund, warum die nicht wollen, dass ich spreche, die Medien, die Politik und – und und und, weil wenn ich reden würde, die Wahrheit, wie es wirklich um uns steht, dann würde die Produktion sinken, davor haben die, die am Hebel sitzen, Angst. Deprimieren, unsere einzige Chance!“

Iljá Pletner spielt den Liebhaber ohne Fortune großartig als Knilch & Kaspar, den die sozialen Bewegungen in seiner Gegend ständig gegen die Wand spülen. Dann macht er Faxen, dann macht er weiter, vollkommen unerwachsen. Verdammt zur Jugendlichkeit. Ein Spielball weiblicher Interessen. Wie gesagt, das macht Iljá Pletner sehr überzeugend, er spielt den Prototyp des ewig adoleszenten Abhängigen (von einer Frau oder von Flaschen) aus sich heraus, so dass jede(r) ihn gleichsam mitnehmen kann - ein Typus to go.

Nun kommt Emma Fischer alias Esmeralda von Jagdheyde ins Spiel. Sie gibt vor, Investorin zu sein und am ganz großen Rad zu drehen. Sie nimmt sich Johann zur Brust, um Ulrike zu schaden. Sie schwärzt Ulrike bei ihren Klienten/Patienten mit der Wahrheit an. Dass die ohne Zulassung als Psychotherapeutin arbeitet und ihr pseudo-therapeutisches Psycho-Theater esoterischer Bullshit ist, frei nach der Devise: „Du musst dein Selbst vom Kopf in den Bauch rutschen lassen“.

Doch Esmeralda ist nur die Deckadresse einer verstörten Emma, die als Kind von ihrer Adoptivschwester Ulrike misshandelt wurde. Melanie Isakowitz spielt Emma-Esmeralda in abrupten Wechseln der Tonlage, wie an Ringen schwingt sie von hilflos zu robust, von tropfig zu rabiat. Das ist großes Tennis auf einer kleinen Bühne. Emma-Esmeralda erfährt, dass alles noch viel schlimmer war. „Ich habe mit dem Luftgewehr auf dich geschossen“, verrät Ulrike ihren Vernichtungswillen. Darum geht es an zentralen Stellen im Stück: um weiblichen Vernichtungswillen. Ironie ist da ein Köcher voll vergifteter Pfeile. Die Blutgrätschen sehen aus wie Ballett, ganz toll. 

 

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