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Livekritik zu

Brenne! Men Don´t Protect You Anymore

09.01.2013 - 31.03.2013 | Berlin [ Prenzlauer Berg ] / Ballhaus Ost
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Jamal Tuschick
am 02.04.2013

Paradigmenwechsel der Staraugenbraue

Gina Henkel kann dreißig Liegestütze und beweist das auch

„Brenne“ - da gibt es dieses Bild von Kurt Cobain aus dem Jahr 1993. Es zeigt ihn auf der West 42nd Street in Manhattan vor einem Kino. Die Tafel (das Menetekel) meldet „Men Don't Protect You Anymore“. Der Satz taucht bereits in den „Survival Series“ (1983–1985) der Konzeptkünstlerin Jenny Holzer auf. Er betitelt nun ein Stück von Anne Schneider - Gina Henkel verkörpert es auf der Bühne des Berliner Ballhaus Ost. „Brenne“ dreht sich wie am Spieß um Heros, Eros und Mythos – am Beispiel der Johanna von Orléans, die sich in Ingrid Bergmans paradigmatischen Augenbrauen reinkarniert. Gina im O-Ton: „Paradigmenwechsel der Staraugenbraue“.

Die Solistin wird von den Musikern Christian Wisch und Stephan Zunhammer verstärkt, die dezidiert vom Blatt lesen und das ungelenke Element in doppelter Ausfertigung darstellen. Das gelingt gut, insofern Gina Henkel auf diesem Hintergrund enorm zur Geltung kommt. Sie scharrt förmlich mit den Hufen und bläht die Nüstern jenes Rosses, das der „von Gott gesandten Heerführerin aller Franken“ unbedingt besorgt und zur uneingeschränkten Verfügung gestellt werden muss – auch wenn der Hof ob Johannas Anmaßung zwischen feudalem Gelächter und herrschaftlicher Gereiztheit changiert. Wie gesagt, das macht Gina Henkel alles allein: (sich) den Hof, die Naive vom Ort, den Hundertjährigen Krieg, ganz Vaucouleurs und einen gediegenen Robert de Baudricourt, seines Zeichens Hauptmann des Königs, der sehr gern zu geben bereit ist, um des Vergnügens Willen, glauben zu dürfen, etwas auch sehr zu wollen. Doch beschwert „ein solcher Grad an geschlechtlicher Reizlosigkeit“ die Minne, das Zeitgenossen „von einem Wunder“ sprachen – vom Wunder der Reizlosigkeit.

Es gebricht Johanna der Schönheit Schmuck – darunter leidet sie – und dem Auditorium geht Johannas Leiden nah als eklatanter Beitrag zum Gender Swing. Es stellt sich die Frage, ob Johanna im falschen Körper womöglich zur Welt kam. Was, wenn unter dem Harnisch „ein männlich Herz schlägt“? Die Frage geht davon aus, Frauen seien an sich weniger gewalttätig als Männer. Warum heißt es dann aber „Erschießt die Frauen zuerst“? Es heißt so in der Konsequenz der statistischen Einsicht, dass die zur Tat entschlossene Frau das männliche Zaudern gar nicht kennt. (Zitiert nach Eduard Zimmermann.)

Bekanntlich folgte die französische Armee dem Bauernkind, bekanntlich spielte Ingrid Bergman zweimal die Johanna „als natürliche Schönheit“ mit gewöhnungsbedürftigen Augenbrauen. Auch sie wird in ihren Tagträumen Ovationen (gleichsam vorab) erlebt haben, so wie Gina Henkel in ihrer zum Schreien komischen, mit Liegestützen verifizierten Dekonstruktion eines Mythos plus Heroine. Johanna wird von sich selbst darauf hingewiesen: dass ihr die militärische Ausbildung fehlt und sie in Anbetracht ihrer Absichten – in ihrer unwissenschaftlichen Betrachtungsweise – auch eher von zweifelhaftem Geschlecht ist. An die Engländer verraten und verkauft, brennt Jean d´Arc schließlich (für ihren Glauben/Wahn), womit wir wieder beim Titel wären.

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