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Livekritik zu

Schwestern im Geiste

13.03.2014 - 03.01.2015 | Berlin [ Neukölln ] / Neuköllner Oper
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Horst Roediger
am 17.03.2014

Weibliches auf Zeitreise - Zweifellos ist es eine ingeniöse Spielidee, die das Autorenduo Thomas Zaufke und Peter Lund hier auf die Bühne im Saal der Neuköllner Oper bringt. Konflikte und emanzipatorische Bestrebungen der Bronté-Geschwister aus dem Britannien des 19. Jahrhunderts in einem Musical mit drei Frauengestalten aus dem Schulbetrieb unserer Tage zu konfrontieren, offeriert eine reizvolle Spielvorlage, die ausführliche Gelegenheit zu Dialogen, Ensembles und treffend formulierten Seitenhieben auf Zeitgeist und schematisches Denken bietet. Überdies hat Berlin mit den Absolventen des Studienganges Musical/Show an der Universität der Künste ein großes Reservoir an stimmlich und darstellerisch bestens trainierten Aktricen und Akteuren für solch ein Unternehmen zu bieten, und das kleine, aber professionell besetzte Orchester der Neuköllner Oper tut ein übriges, um die Bühnenshow zum umjubelten Erfolg zu machen. 

 

Dass die drei Schwestern Charlotte(Keren Trüger), Emily(Dalma Viczina) und Anne (Katharina Abt) aus dem geistigen Korsett einen britischen Pfarrhauses auszubrechen suchen, indem sie unter männlichen Pseudonymen eigene Romane veröffentlichen, die auch noch zu Bestsellern werden, ist ein wichtiger Schritt in der Geschichte der Frauenemanzipation. Die Autoren verquicken fiktive Szenen aus dem Leben der drei Schwestern, ihres Bruders Branwell (Andres Esteban), des Dienstmädchens Tabby (Sabrina Reischl) und des Reverend Arthur Bell Nicholls (Denis Edelmann) aus dem 19. Jahrhundert geschickt und bruchlos mit Momentaufnahmen vom Schulbetrieb der Jetztzeit, wo die Lehrerin Lotte (Teresa Scherhag) ihre beiden Schülerinnen Milly (Rubini Zöllner) und Aydin (Jaqueline Reinhold) ungeachtet aller Scherereien zum Abitur zu führen sich bemüht.

 

Nach bester Musicaltradition kommt es hier weniger auf Tiefsinn und ausgeklügelte Details an, sondern vielmehr auf das "Wie" der Bühnenhandlung und eine zügige, bestens geführte und choreographierte (Neva Howard) Szenenfolge, die hier in vorbildlicher Geschlossenheit realisiert wird. Das ökonomische Bühnenbild von Ulrike Reinhard lebt lediglich durch gelegentliche Wolkenprojektionen und eine lebendige Lichtregie, so dass die typisierenden Kostüme (Anna Hostert) gut zur Geltung kommen. Mit Unterstützung der unvermeidlichen Mikroports wird gesungen, gesprochen und getanzt, dass der Zuschauer intensiv einbezogen ist und nahezu jedes Wort versteht. Die engen Moralvorstellungen aus viktorianischer Zeit in Britannien korrespondieren und kontrastieren mit dem nur scheinbar sehr viel freieren Habitus von Frauen unserer Tage, wo auch ein lesbisches Intermezzo zwischen Lehrerin und Schülerin nicht ausgespart wird. Geistige Enge und Denkschablonen sind aber keineswegs beseitigt, wofür die Situation des türkischen Mädchens Aydin mit der engen Familienbindung ein guter Beleg ist - hier sucht noch der Vater den Bräutigam für die Tochter aus. 

 

Das Ensemble spielt und tanzt mit vollem Einsatz und aller Präzision. Man tut sich schwer, hier hervorhebende Pluspunkte zu vergeben. Vielleicht das quirlige Dienstmädchen Tabby und der herrlich stocksteife Reverend Arthur hätten einen verdient. Die Musik geht ins Ohr, ohne dort länger als nötig zu verharren. Was aber Hervorhebung und Bewunderung verdient, ist das kleine, ungemein funktionelle, seitlich platzierte Orchester unter der aufmerksamen Leitung von Tobias Bartholmess. Das ist lediglich die Flöte von Katja Reinbold, die Klarinette von Max Teich, die charaktervoll eingesetzte Violine von Christin Dross, das Cello von Anja-Susann Hammer und der Kontrabass von Max Nauta. Aber was dieses Quintett an belebender Wirkung in die ganze Aufführung ausstrahlt, wie zuverlässig das alles funktioniert, auch wenn für die Akteure ein Sichtkontakt zum Dirigenten gar nicht möglich ist, verdient Bewunderung. 

 

Das Publikum im ausverkauften Saal geht hellwach mit und spendet am Ende den genretypischen Applaus mit Pfiffen und Rufen der Begeisterung, will das Ensemble gar nicht mehr von der Bühne lassen, das sich schließlich mit der Wiederholung der fabelhaften "Skandal versus Erfolg"-Nummer bedankt. 

 

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Musical in Reinkultur, flott und fetzig inszeniert. Das reißt hoch!

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