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Livekritik zu

Berliner Philharmoniker: Arnold Schönberg - Gurrelieder, dirigiert von Sir Simon Rattle.

26.10.2013 - 27.10.2013 | Berlin [ Tiergarten ] / Philharmonie Berlin - Großer Saal
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Horst Roediger
am 28.10.2013

Wunderbare Märchenwelt. Was unter Franz Schrekers Leitung 1913 in Wien uraufgeführt wurde, als noch niemand etwas vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges ahnte, hat heute einen doppelten Zauber: den des Reizes der heilen Welt von damals, und den der frühen Jahre von Arnold Schönbergs Kompositionstechnik, die sich zu diesem Zeitpunkt noch der überschwänglichen Klangpalette der Spätromantik bediente. So stehen wir heute staunend und bezaubert vor einem monumentalen Gebilde aus tiefschürfender Dichtung und überbordender musikalischer Ausstattung, die sich gleichermaßen instrumental wie choristisch äußert. Noch einmal wird hier eine beglückende und bewegende Klangfülle offeriert, ehe dies alles zerbricht und in einer eher intellektualistischen Welt atonaler Strukturen aufgeht, mit denen die kompositorische Avantgarde fortan arbeitet, ohne damit noch eine ungebrochene Breitenwirkung erreichen zu können. 

 

Der dänische Dichter Jens Peter Jacobsen konfrontiert uns in seiner Erzählung mit einer zugleich archaischen und zeitlos modernen Geschichte aus der dänischen Sagenwelt, die Arnold Schönberg  zu einem Oratorium mit beispiellosem Klangapparat verarbeitete. Ein König Waldemar erlebt ein kurzes, intensives Liebesglück mit der schönen jungen Tove, die dann von der eifersüchtigen Königin ermordet wird. Waldemar hadert daraufhin mit Gott und ruft die Mannen seiner toten Gefolgschaft aus ihren Gräbern. Als wilder Spuk der Untoten reiten sie nachts um die Königsburg Gurre, bis sie im Morgengrauen erneut ins Grab sinken. Als Kontrastprogramm liefert eine Figur namens Klaus-Narr ein pointiertes Satyrspiel, das die Handlung wie in einem Zerrspiegel abbildet. Schließlich klingt die monumentale Komposition in einem grandiosen, von 150 Musikern und drei Chören getragenen Schlußchor aus, der die zeitlose Schönheit der Natur verherrlicht. 

 

Der Abend wird zu einem Triumph für das Orchester, die Chöre und die Solisten, vor allem aber für den Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle. Wie er diesen gewaltigen Klangapparat einmal zügelt und wenig später in gewaltige Eruptionen ausbrechen läßt, ist in der Tat bewundernswert und denkwürdig. Hinzu kommt die unvergleichliche Spielkultur der Philharmoniker, die auch die heikelsten Takt- und Intonationswechsel bruchlos gelingen läßt. Mit dem Solistenensemble von Soile Isokoski (Tove),Karen Cargill(Waldtaube),Stephen Gould (Waldemar), Burkhard Ullrich (Klaus-Narr)und Lester Lynch (Bauer) hatte Simon Rattle kongeniale Mitstreiter, die der dänischen Ballade Farbe und Intensität gaben. Lediglich Thomas Quasthoff in der Rolle des Sprechers, der den stürmischen Sommerwind ankündigt, hätte man noch etwas mehr expressiven Ausdruck gewünscht. 

 

Der erste Teil der Komposition war von den beiden folgenden durch eine Pause getrennt - angesichts der drangvollen Enge auf dem Konzertpodium und dem massiven Schlußauftritt der drei Chöre eine gute Lösung, die gleichwohl einen Bruch der Handlung vermied. Ein vom Klangrausch überwältigtes Publikum spendete begeisterten Beifall im ausverkauften Haus, den die beteiligten Künstler dankbar entgegennahmen. 

Besucherfazit

Letzte Steigerung spätromantischer Klanginszenierung - überwältigend

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