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Livekritik zu

Kammerkonzerte der Universität der Künste Berlin zugunsten der Stipendiaten der Paul-Hindemith-Gesellschaft in Berlin

12.12.2015 | Berlin [ Wilmersdorf ] / Joseph-Joachim-Konzertsaal der UdK
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Horst Roediger
am 16.12.2015

121115

Aus einem Guß

Kammerkonzert zugunsten von Stipendiaten

der Paul-Hindemith-Gesellschaft Berlin 

 

Sie ist seit nahezu einem halben Jahrhundert für die hochstehende Zielsetzung bekannt, hochbegabten, aber wirtschaftlich schlecht gestellten Musikstudenten mit Stipendien unter die Arme zu greifen: die Berliner Paul-Hindemith-Gesellschaft. Dafür werden bei freiem Eintritt Konzerte veranstaltet, die mit der Bitte um Spenden verbunden sind. Häufig wirken dabei derzeitige oder frühere Stipendiaten mit. Gleichwohl ist ein Kammerkonzert, wie es jetzt im Joseph-Joachim-Saal an der Berliner Bundesallee stattfand, ein besonders geglückter Höhepunkt der Veranstaltungen zugunsten von Stipendiaten. Zwei frühere Empfänger solcher Finanzspritzen, die Pianistin Olga Monakh und die Geigerin Minhee Lee, bildeten zusammen mit dem Vorsitzenden der Gesellschaft, dem Cellisten Wolfgang Boettcher, ein Klaviertrio der Extraklasse für Tschaikowskys Opus 50, das der Erinnerung an Nicolai Rubinstein, den Freund und Förderer des Komponisten, gewidmet ist. 

 

Am Anfang des Konzerts steht die Sonate Nr. 1 G-Dur für Violine und Klavier op. 78 aus dem Jahre 1878/79 von Johannes Brahms. Minhee Lee und Olga Monakh plaudern sich mit ihren Instrumenten hinein in den "Vivace man non troppo" bezeichneten ersten Satz, gewinnen unterwegs an Intensität und Wärme, das Klavier mit zarter Zurückhaltung, die Violine mit delikaterTongebung. Feine, filigrane Tongirlanden des Klaviers umspielt die Violine mit langem Atem und großer Sensibilität. Das Klavier formuliert ausgeprägt in Brahms' Diktion, setzt die thematischen Akzente, und die Violine schwebt vogelgleich darüber. Feiner Bogenstrich und rhythmische Kraft. 

 

Im zweiten Satz "Adagio" setzt das Klavier mit Akkorden ein, die den Boden bereiten, und die Violine folgt mit mehreren Ansätzen zum Gesang . Dann markante Einsätze des Klaviers, denen die Violine rezitierend folgt. Leiser und behutsamer dann das Klavier, die Violine mit doppeltöniger Stimme von eindringlicher Intensität. Zum Schluß wieder diese bezaubernde Leichtigkeit der Violine, von der sich diesmal das Klavier anstecken lässt. 

 

"Allegro molto moderato" ist der dritte Satz überschrieben. Spielerischer, leichter, wie von einer Last befreit jetzt beide Instrumente. Das Klavier schwingt sich zu mitreissender Anführerschaft auf. Die Violine folgt mit einer stets gesprächsbereiten Wendigkeit und hat jetzt alle Freiheit, auch die Wortführung zu übernehmen. Ein ergötzlicher Dialog, der ganz behutsam ausklingt. 

 

Aus dem Jahre 1917 stammt die Sonate g-moll für Violine und Klavier vom französischen Komponisten Claude Debussy. Sie beginnt mit einem "Allegro vivo": ein paar stimmungsvolle Klavierakkorde, dann wird die Violine mit apart betonten Floskeln zur Wortführerin, glänzt mit zartest reinen Tönen in höchster Lage und gibt dem perlenden Klavierton die Richtung vor. Von rhythmischem Diktat ist keine Rede, beide Instrumente umkreisen einander in freien Flugbewegungen, mit leidenschaftlichem Bogenstrich zum Schluss. 

 

"Intermède. Fantastique et leger" lautet die Stilvorgabe für den zweiten Satz. Die Violine, eben in der Satzpause noch einmal nachgestimmt, springt mit gewagten Passagen in den Satz hinein, den das Klavier interpunktiert. In immer neuen Anläufen schwingt sich die Violine sehr tonrein zu variantenreichen Flugfiguren auf. 

 

Das "Finale" soll "très animé" gespielt werden, und das Klavier beginnt, indem es die Ebene der künstlerischen Auseinandersetzung vorgibt. Darauf lässt die Violine dann kreisende, tänzerische Figuren mit rhythmischer Pointierung entstehen. Schwierigste Griffe und jubelnde Vogellaute der Violine, die jauchzend die Vorgaben des Klavierparts aufnimmt. Feinste Zeichnung der Melodielinie bis zum brillanten Schlußlauf. 

 

Nach der Pause dann der mit Spannung erwartete Höhepunkt des Programms, Peter I. Tschaikowskys Trio in a-moll, op. 50 für Klavier, Violine und Violoncello aus den Jahren 1881/82. Olga Monakh mit engagierter Federführung am Klavier, Minhee Lee und ein geradezu jugendlich begeisterter Wolfgang Boettcher bilden das Streicherduo. Wolfgang Boettcher hatte zuvor bereits von den überaus angenehmen und gewinnbringenden Proben berichtet, die das Trio seit Wochen absolviert hatte. 

 

"Pezzo elegiaco" mit der Tempobezeichnung "Moderato assai" bildet den ersten Satz. Alle drei setzen den Fuss behutsam, aber entschlossen in dieses umfangreiche Werk. Man lernt zunächst ihre drei Stimmen kennen. Dem Klavier merkt man sofort die entschieden eingenommene gestalterische Rolle an, die das Schicksal dieser Aufführung bestimmen wird. Wunderbar klar und entschieden in der Artikulation agieren Violine und Cello, stets willig, diesem hinreissenden melodischen Fluss in schöner klanglicher Geschlossenheit zu folgen. Der vorausleuchtende Pfadfinder ist das Klavier. Eine sehr behutsame Variation gibt nacheinander den drei Instrumenten Gelegenheit, ihre individuellen Stimmen einzubringen. Das Klavier setzt zwar die Zeichen, überlässt aber immer auch den beiden Streichern eine Plattform für das kraftvolle Erscheinungsbild. Schön ausschwingend gegen Ende.

 

Der zweite Satz "Tema con variazioni. Andante con moto" öffnet den Vorhang für eine ungewöhnlich reichhaltige Folge von Verwandlungen. Das Thema wird vom Klavier fein und mit klugen Akzenten formuliert. Die Violine folgt, dann das Cello mit sonorem Klang. Die dritte Variation sehr flott, aber trotzdem leicht und mit brillantem Klavierklang. Darauf eine Moll-Variante: das Cello wird von der Violine überleuchtet, das Klavier liefert die Basis. Darauf das Klavier wie eine Spieluhr. Dann der Walzer: Wie das Klavier das auffängt, ist befreiend und meisterlich. Dann Klavierakkorde wie Glockentöne, von Violine und Cello mit rhythmischen Bogenstrichen beantwortet. Es folgt die Fuge. Alle drei mit Kraft und Fingerspitzengefühl, Violine und Cello mit bedächtiger Intensität, herrlich unisono, das Klavier perlend im Hintergrund. Schließlich eine Mazurka, vom Klavier eingeleitet, Cello und Violine springen buchstäblich auf Zeichen hinzu. Dann führt die Violine das Thema weiter. Ein tiefer Celloton beendet den Satz.

 

"Variazione finale e coda" mit den Tempobezeichnungen "Allegro risoluto e con fuoco" sowie "Andante con moto"  bestimmen den Schlussteil des zweiten Satzes. Mit Sprung geht's hinein, hinreissend und mitreissend, in glänzender Spiellaune und mit feurigem Rhythmus. Wem gebührt nun die Siegerpalme ? Alle drei waren in Hochform und stellen sich mit strahlendem Lächeln dem begeisterten Applaus des Publikums. Hindemith-Beirätin Jutta von Haase dankt dem Trio traditionsgemäß mit Blumen - der sympathische Abschluß eines überaus bewundernswerten Konzerts, das zudem noch einem guten Zweck diente. 

Besucherfazit

Ein Klaviertrio der Extraklasse: das reisst vom Sitz

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