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Livekritik zu

Gesangklasse Beatrice Niehoff

30.10.2014 | Berlin [ Wilmersdorf ] / Joseph-Joachim-Konzertsaal der UdK
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Horst Roediger
am 03.11.2014

Der gerettete Wettstreit

Wenn gleich drei aussichtsreiche Gesangsstudenten unvermittelt durch Krankheit ausfallen  und Stunden vor dem Konzert auch noch der vorgesehene Klavierbegleiter das Handtuch wirft, kann man schon mal am Schicksal eines Konzertabends verzweifeln. So erging es jetzt Beatrice Niehoff, die nach langjähriger eigener Karriere als Opernsängerin nunmehr Gastdozentin an der Berliner Universität der Künste ist. Glücklicherweise gelang es ihr, mit Andreas Lisius einen Klavierbegleiter zu finden, der in letzter Minute einspringen konnte, und zum unbeliebten ersten Auftritt schickte sie gleich einen ihrer besten Kandidaten ins Rennen. Der Abend im Konzertsaal an der Bundesallee in Berlin wurde so unter erschwerten Bedingungen ein doppelt willkommener Erfolg. 

In der Gesangsklasse von Beatrice Niehoff treffen Gesangsstudenten mit unterschiedlichen Studienzielen zusammen. Desto reizvoller ist es, ihre jeweilige Annäherung an den Bühnenauftritt live mitverfolgen zu können. Der Bariton Jonas Böhm startet mit "Honour and Arms", der Arie des Harapha aus Händels Oratorium "Samson". Eine angenehm warm klingende Stimme, sehr wendig mit umsichtiger Atemführung, ein Vortrag in strahlender Entschiedenheit und eine schwungvolle Eröffnung. Es folgt Jonas Olejniczak mit "Hostias" und "Libera me" aus Gabriel Faurés "Requiem". Eine leicht belegt klingende Stimme, die aber dem Charakter der ausgewählten Passagen durchaus angemessen ist. "Hostias" als getragene Melodie, in der Singstimme nahezu auf dem selben Ton verharrend, und "Libera me" als Steigerung in Schritten. 

Als nächste kommt Esther Vis, Mezzosopran, in leuchtend rotem Abendkleid auf die Bühne und interpretiert "But who may abide", eine Arie aus Händels "Messiah". Sie beweist Temperament und Drive, im langsamen Teil ausdrucksvolle Stimmführung, viel Kraft in der Höhe. Ihr folgt, gleichfalls Mezzosopran, Luise von Garnier , abermals mit einer Händel-Arie aus dem "Messias". Ein kraftvoller, dunkel getönter Mezzo, intensiver Vortragsstil und ausgefeilte Artikulation. Ein stilistisch gut gestalteter Vortrag. 

Die nächste Sängerin ist Ute Jolowicz, die sich mit Eunhee Baek eine eigene Begleiterin mitgebracht hat. Sie trägt die Arie "Seufzer, Tränen, Kummer, Not" aus der Kantate "Ich hatte viel Bekümmernis" von Johann Sebastian Bach vor. Ein heller, etwas metallisch klingender Sopran, der sich gut durch die Verästelungen dieser Arie hindurchfindet. Darauf abermals Jonas Olejniczak, wie alle anderen begleitet von Andreas Lisius, mit "Willkommen, werter Schatz" aus Bachs Kantate BWV 36 zum 1. Advent. Wieder dieser eher samtene Ton bei gutem rhythmischem Empfinden. Luise von Garnier schließt mit "Erbarme dich " aus Bachs Matthäus-Passion den ersten Programmteil ab. Eine kraftvoll vorgetragene Anrufung und Fürbitte, in weiten Bögen ausgesungen. 

Nach der Pause geht wieder Jonas Böhm ins Rennen mit zwei englischsprachigen Liedern, die er lebendig und mit gut platzierten Akzenten vorträgt. Zuerst "When I was One-and-Twenty" von Arthur Somervell, dann "It was a Lover and his Lass" auf einen Shakespeare-Text, komponiert von Gerald Finzl. Er singt es mit schönem Sinn für Melodie und pointierende Gestaltung bei großer Geläufigkeit in der Textinterpretation. Esther Vis schließt sich an mit Mozarts "Abendempfindung an Laura" KV523: Einfühlsamer Stil, ausdrucksvoll auch in den weiten Bögen, häufig sogar der Sopranlage zuneigend.

Darauf wieder Jonas Böhm, diesmal mit Schubert. "Die Taubenpost" aus Franz Schuberts "Schwanengesang" wird treffend gestaltet. Stimmfarbe und Artikulation weisen ihn als beachtlichen Liedsänger aus, dem Schuberts Kompositionen besonders liegen dürften. Esther Vis nimmt sich nun des Liedes "Allerseelen" von Richard Strauss an, eine Reminiszenz an schöne Stunden "wie einst im Mai". Die weiten Bögen werden schön aufblühend gesungen. Nochmals Jonas Böhm mit "Sleep" aus den "Five Elizabethan Songs" von Ivor Gurney: die Farbe dieser englischsprachigen Preziosen wird feinfühlig herausgearbeitet, die Stimme klingt eindrucksvoll auch in der weit ausholenden Höhe. 

Zweimal die Mezzosopranistin Luise von Garnier gibt's zum Schluss: erst die Arie der Dorabella "Ah! Scostati" aus Mozarts "Cosi fan tutte": mit enormer Kraft im vorgeschalteten Rezitativ, dann mit intensivem Aufblühen der Stimme, was beinahe die Mezzo-Lage sprengt. Schließlich "Va! Laisse couler mes larmes", die Arie der Charlotte aus Jules Massenets "Werther". Sie gestaltet diese Szene mit intensivem Engagement und kraftvoller Intensität.

Viel Beifall für alle Solisten des Abends und den hilfreichen Klavierbegleiter, die sich zum Abschluss gemeinsam mit der Dozentin auf der Bühne verneigen. 

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Ein gelungener Konzertabend mit jungen Stimmen

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