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Livekritik zu

Weibsteufel

20.01.2017 - 19.03.2017 | Berlin / bat-Studiotheater
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Horst Roediger
am 16.02.2017

021617

Perfide Sinnlichkeit

„Weibsteufel“ von Karl Schönherr

im bat-Studiotheater Berlin-Weissensee

 

Der Autor Karl Schönherr stammte aus Axams in Tirol, war Arzt und Dramatiker und starb 1943 in Wien. Von seinen Bühnenstücken sind vor allem  „Glaube und Heimat“ (1910) und „Der Weibsteufel“ (1915) bis heute bekannt. Gelobt werden besonders die knapp gefaßten Texte und die holzschnittartige Zeichnung der Figuren. Sein letztes Werk „Die Fahne weht“ (1937) wurde in der Zeit des Dritten Reiches vielfach aufgeführt. Man hat seinen Arbeiten eine gewisse Nähe zur Blut-und-Boden-Ideologie nachgesagt, hält ihn aber für den wichtigsten österreichischen Dramatiker dieser Zeit neben Arthur Schnitzler.

 

Im bat-Studiotheater der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“  befreit Regisseurin Margarete Schuler den „Weibsteufel“ konsequent aus der etwas düsteren Atmosphäre der Tiroler Bergwelt und nimmt ihn als Parabel für eine Handlung, die eher an einen unserer „Tatorte“ erinnert. Ein Hehler(Alexander Stürmer) in einer gebirgigen Grenzregion will die in seinem Hause angehäufte Schmuggelware abtransportieren und scheut dabei lediglich die Wachsamkeit eines „Jägers“, der eigentlich Streifengänger der Zollverwaltung ist. Also weist er seine Frau (Deniz Orta) an, dem kräftigen jungen Zöllner (Tom Gramenz) „schöne Augen“ zu machen, um dessen  Aufmerksamkeit von der gehorteten Schmuggelware abzulenken. Sie nimmt diesen Auftrag gehorsam an. Was der Mann nicht voraussieht, ist, dass seine Frau Gefallen an dieser Aufgabe findet und ihre bisher schlummernde Leidenschaft ganz in den Dienst dieses Ablenkungsmanövers stellt. Sie händigt dem Jäger sogar ein verbliebenes Beutestück aus, damit der ihren Mann deswegen anzeigen kann. Er scheut diesen Schritt aber und bringt das corpus delicti zurück. Nun könnte er selbst wegen Unterschlagung angeschwärzt werden.

 

Die tiefere Absicht der Frau ist es aber wohl, sich materiell zu emanzipieren. Also bestärkt sie ihren Mann in der Absicht, das für  die Schmuggelware erlöste Geld für den Kauf des schönsten Hauses am Markt zu verwenden. Er kommt mit dem Kaufbrief zurück, und sie bringt ihn dazu, ihr das Haus für den Fall seines Todes zu überschreiben. 

 

Nun ist kein Halten mehr. Noch immer schleicht der junge Jäger ums Haus und läßt sich von den sinnlichen Avancen der Frau betören. Längst will ihn der Mann aus der Nähe seiner Frau vertreiben und weist ihm die Tür. Ein letztes Mal treffen alle drei aufeinander, sie trinken auf die Zukunft, die Frau lebt ihre Gefühle in einem lasziven Tanz aus. Die beiden Männer geraten in Streit, und der Hehler kommt dabei zu Tode. „Du hast ihn erschlagen !“ sagt die Frau, auf einmal kühl distanziert, und verläßt die Szene. Sie wird das Haus am Markt erben, wie sie es gewollt hat. 

 

 

Margarete Schulers Inszenierung ist eine solide, plausibel ausgeführte Regiearbeit, die auf einem quadratischen Plafond spielt und mit wenigen Requisiten auskommt. Die schauspielerische Leistung aller drei Akteure ist ohne Tadel, auch wenn die Übersetzung der eigentlich erforderlichen Mundart in ein gereinigtes Hochdeutsch etwas vom Lokalkolorit wegnimmt und die Besetzung der beiden Männerrollen  nicht ideal zum behaupteten Persönlichkeitsprofil passt. Eine überaus treffende Ergänzung sind die Sounds und Klangillustrationen, die live von Daniel Séjourné, Boris Leibold und Anne Schirrmacher beigesteuert werden. Viel Beifall vom Publikum in der leider nur zum Teil besetzten Weissenseer Spielstätte. 

 

Besucherfazit

Sinnlichkeit als Waffe: ein besonderer Krimi, gut gespielt

Bewertung

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  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
Titel: 
Weibsteufel
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Ort: 
bat-Studiotheater Weissensee
Zeitraum: 
15.02.2017

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