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Livekritik zu

DIE ABENTEUER DES GUTEN SOLDATEN SVEJK IM WELTKRIEG

08.04.2016 - 16.05.2016 | München [ Altstadt/Lehel ] / Residenztheater
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Holger Kurtz
am 09.04.2016

Es war dann doch noch nicht nach Mitternacht, als zum Ende der Vorstellung J.J. Cales "After Midnight" eingespielt wurde. Dennoch hörte  ich ein zwischen Stolz und Erleichterung geschnauftes "Wir haben's geschafft" aus der hinteren Reihe, als nach fünf Stunden Castorfs Premiere von "Die Abenteuer des guten Soldaten Svejk" ihr Ende fand. Wobei man nicht wirklich von einem Ende sprechen konnte, da Haseks literarische Vorlage aus den 1920ern durch seinen Tod unvollendet blieb. 

Der letzte Satz des Protagonisten, dessen korrekt ausgesprochener Name sich zwischen Shrek und Shake einpendeln lässt, lautete: "Tod Coca-Cola, Tod Pepsi. Es lebe das Bier". 

Was hat das allseits beliebte koffeinhaltige Erfrischungsgetränk nun mit dem 1. Weltkrieg zu tun?

Nichts.

Während des zweiten Weltkrieges gelang es Coca-Cola, trotz Zuckerrationierung, als "kriegswichtiges" Getränk zu gelten. So versorgte Coca-Cola die amerikanischen GIs mitten im Krieg mit ihrer Ware und expandierte dadurch auch in andere Länder.

Videoeinspielungen, auf denen Grabsteine mit der Aufschrift "Killed by Coca-Cola" zu sehen waren, könnten auf die Ermordungen innerhalt einer Abfüllstation in Kolumbien verweisen.

Der Soldat Svejk wechselte im ersten Weltkrieg gelegentlich die Fronten, so schlug es ihn auch zu Pepsi. Was hat nun Pepsi mit dem ersten Weltkrieg zu tun?

Auch nichts. Die Bilder von Richard Nixon lassen darauf schließen, dass es eine Anspielung auf den Putsch in Chile war, der 1970 stattfand und bei dem Pepsi-Cola involviert war.

Als Bühnenbild agierte ein hölzerner Nachbau der Volksbühne Berlin, welcher als Kinderabenteuerspielplatz mit Call-of-Duty Charme die verschiedenen Stationen Svejk darstellte. Große Leuchtreklamen von "Coca-Cola Zero" und "Pepsi Cola" erhellten den Raum und leiteten die Interpretation. 

Vor dieser "Wer Cola drinkt, hat Blut auf den Lippen"- geschwängerten Depri-Atmosphäre, die durch erregtes Rumgeschreie ihre sinnliche Wahrnehmung fand, flüchtete das Publikum in ironisches Gekichere.

Sobald das zweite Top-Thema des Abends: "Hundeficken" aufkam (Sodomie klingt zu klinisch), brach Licht in den Raum, da ein verstörtes Ehepaar den Raum verlies. Dadurch verpassten die Flüchtlinge leider alltagstaugliche Sodomie-Vorteile: Tiere reden nicht drüber. Nackte Penisse gab es nur zwei Mal zu sehen, genügten jedoch, um wieder den Raum zu erhellen. 

Gefühlt 90% der Zeit wurden die Schauspieler live mit Kameras über Projektoren übertragen, wodurch man als Zuschauer den Eindruck nicht los wurde, man sei bei einer Filmproduktion. Dadurch sah man wunderbar die Mimik der Schauspieler, die einem "normalerweise" aber der 5. Reihe nur über Fernglas zuteil wird. Was sah man nun in den Gesichtern der SchauspielerInnen? Entsetzen, Schmerz, leere Blicke, Pickel, Maske. 

Die Distanzierung des Schauspielers von seiner Rolle ist nun wirklich nichts Nennenswertes mehr, aber dass Castorf in seiner Inseznierung humoristisch die nervige Überlänge und den "Baal-Skandaal" ansprach, lockerte die Stimmung im Publikum zusehends auf. Auch die Intensität mancher Stellen sprechen dafür, nicht bereits in der Pause nach Hause zu traben, sondern die überteuerte Coca-Cola an der Theater-Bar öfters mal moralisch abzuschmecken.

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Über ironisches Gekicher und Hundeficken

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