Overlay
Livekritik zu

Eine Frau, die weiß, was sie will!

13.05.2012 - 23.09.2017 | Berlin / Komische Oper Berlin
« zurück zur Veranstaltungsseite
H. Illian
am 11.02.2014

Hier endlich ist Schauspiel

Am Anfang war Phantasie. Dann irgendwann war Händel mit einer bis 1924 für lange Zeit nicht mehr aufgeführten Oper. Und gestern schließlich entstand erneut Ungeheuerliches, und zwar während der Wiederaufnahme von Händels Serse an der Komischen Oper in Berlin:

Stefan Herheims transvestierend zwischen tragisch-ironischen Helden inszenierter „Sexrex“ Xerxes von Händel trägt nämlich. Er trägt sogar so sehr, dass aus den reichlich erkitzelten Körpersäften der lüsternen Menschen auf der Bühne ein großer Gesang und durch ihn der Umkreis unseres ganzen Wandelns spürbar wird. Diese Inszenierung trägt ihr Publikum auf einer zwischen Fröhlichkeit und Ernst und zwischen den Geschlechtern munter und geil wechselnden Wolke. Aus ihr regnet das Glück des Augenblicks, weil es hier um die Wirklichkeit der Liebe geht.

„Engel und Puppe: dann endlich ist Schauspiel“, sagt Rilke und genau dies geschieht hier. Es geht nur sekundär um das affärenreiche Libretto, um die Rumhurerei also, um die Oberflächlichkeit der geschlechtlichen Hülle oder ob dies nun eine barocke oder pseudo-barocke Aufführungspraxis sei, was wir da als Publikum sehen, hören und fühlen. Es geht um den Zauber, wie es sein kann, dass die Figuren auf der Bühne zu leben beginnen, weil sie geliebt werden wollen, weil das Eigenleben ihrer Liebe sich ins eigene Herz überträgt.

Die Figuren kämpfen um ihre Liebe. Sie erstreiten sie sich. Sie sind vertikal in Bäume verliebt. Sie sind sogar horizontal in Menschen verliebt und sie ziehen sich deshalb gewaltig an den Ohren. Sie wollen sich in der Folge umbringen oder doch besser umbringen lassen. Und so fahren sie Waffenarsenale bis hin zur Kanone auf, um Konkurrentinnen zu beseitigen. Sie lassen sich wie Atalanta (Julia Giebel) sogar vergewaltigen. Oder sie irren sich. Und es ist herrlich zu erleben, wie schön sie bei alldem auch noch singen …!

Es ist, als existierten die Figuren in ihrem Reich der Phantasie wirklich und als würden sie ihren Darstellern einflüstern, sich nur anzustrengen, damit sie geliebt werden dürfen, damit sie weiter existieren dürfen und nicht von der Bühne verschwinden müssen. Es ist, als sei die Vernunft der Aufklärung eben doch machtlos gegen diese Magie. „Strange what love does“ nennt dies David Lynch in Inland Empire. Aus Phantasie wird hier „liebbare“ Wirklichkeit – und damit sind wir natürlich wieder beim Ensemble, allen voran bei Stella Doufexis, die die auf dem Papier des Librettos körperlich noch hohle Puppe ihrer Figur engelhaft beseelt und daraus einen Xerxes macht, der mehr als „Sexrex“ ist, wie es die Inszenierung in einer herrlichen Idee suggeriert. Ihre leibhaftig liebenswürdige Figur ist nur einer der unzähligen Gründe, warum diese Inszenierung geliebt werden darf.

Liebe ist zeitlos und wenn wir nicht mehr lachen oder weinen würden, wären wir schon tot. Gestern abend aber übertrug sich die Liebe einer großartigen Inszenierung und überragenden musikalischen Leitung auf ein begeistertes Publikum. Hinter tausend Stäben war da plötzlich eine Welt. Und es ist leider bekannt, dass es abertausend andere Stäbe gibt, hinter denen keine Welt ist oder sein darf. Gestern aber war sie wahr und leibhaftig in uns allen, die Weltbühne der Liebe. Und ich gestehe: Ich bin von diesem Glück beseelt.

Besucherfazit

Absolut sehenswert! Ein Highlight für alle, die lieben und geliebt werden wollen!

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
10 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Ähnliche Veranstaltungen in der Nähe

Zuletzt aktive Livekritiker

  • Altfriedland
  • Meerfreude
  • ENSEMBLE RUHR
  • Frollainwunder
  • Sarah Mauelshagen
  • Frollain Wunder
  • august14979
  • Luisa Mertens
  • Michelle Onstein
  • Stefan M. Weber
  • Benjamin Njoroge
  • Nicole Haarhoff
  • poy
  • Elisaveta K. Yordanova
  • Stefan Bock
  • Iris Souami
  • Sarah Dickel
  • Daniel Anderson
  • Cristóbal Marrero-Winkens
  • Tatiana Michaelis
  • Wolfgang Albrecht

Für Freikarten und Kulturtipps

Andere Besucher interessierte auch

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!