Overlay
Livekritik zu

Nachtasyl

20.02.2015 - 25.03.2015 | Frankfurt am Main / Schauspiel Frankfurt
« zurück zur Veranstaltungsseite
H. Illian
am 23.02.2015

Nachtasyl: Blockadelöseversuche auf der Bühne und im Publikumsgespräch

Eines ist klar: Johanna Wehner ist zum Dialog bereit. Sie möchte mitteilen, was es an Missständen mitzuteilen gibt und sie möchte gesellschaftliches Feedback dazu erhalten. Zugleich möchte sie innovativ sein und zeitgemäß, in diesem Fall musikalisch-rhythmisch, spiralisierend, inszenieren. Ihrer gelungenen, abstrahierenden, aber für das Frankfurter Publikum zugleich sehr herausfordernden Inszenierung von Maxim Gorkis “Nachtasyl” im Bockenheimer Depot stellt sie eine Einleitung voran und ergänzt die Aufführung um ein Publikumsgespräch mit den jungen, sehr ambitioniert und meist sehr überzeugend agierenden Schauspielern.

Rhythmisch zerlegt, voller Verzweiflung

Mit Gorkis Stück hat Wehners Inszenierung nur noch bedingt zu tun. Wehner zerlegt das Stück, entfernt sich vom Realismus und macht, wie sie selbst sagt, das Gegenteil. Artifiziell, rhythmisch und mit 6 statt 17 Charakteren zirkelt ihr Stück von einer hoffnungslosen Runde vermeintlich gescheiterter Existenzen in die nächste. Ihre Figuren kreiseln voller Verzweiflung, befinden sich am Boden – nein, eigentlich gar unterhalb des Bodens der Gesellschaft. Es sind Figuren, die nicht aus sich heraus können, zu denen auch die Gesellschaft vielleicht nie wollte. Es sind – und dies scheint vielleicht das zentrale Thema zu sein, das Wehner in Gorkis Nachtasyl für sich entdeckte – blockadebeladene Gestalten, die sich im Kreise drehen: um sich selbst, miteinander um das Nichts ihrer Existenz und mit manchem Oberstudienrat im Publikum um den Zugang zu dieser Inszenierung.

Tolles Schauspiel ohne Blockaden über Blockaden

Doch genau darum geht es in dieser Inszenierung. Um die Möglichkeit oder eben Unmöglichkeit, eigene Blockaden zu lösen. Die Figuren der Schauspieler – als grandioses Beispiel sei hier Anabel Möbius als Nastja genannt – kommen nicht von sich selbst los. Sie sehen nur sich im Anderen. Dies gilt selbst für den vermeintlich, befremdlich anders agierenden “Errettungsengel” Luka, der im Grunde an den Figuren vorbeiredet, einsam und trotz seiner Flucht aus dem Fluch des Nachtasyls das Glück auch nur vermeintlich finden wird. Und dies gilt insbesondere für all die Menschen, gefühlt vor allem Lehrer und Unternehmer, die im Anschluss an das Stück am Publikumsgespräch teilnehmen und sich auch von der etwas zu langen, eigentlich aber erhellenden Erörterung Wehners zum Stück nicht von ihren eigenen Blockaden und Blockierungen abbringen lassen.

Der Wunsch zu verstehen

Ihre eigenen Blockaden überwinden, dies schaffen die Frankfurter Zuschauer, die am Gespräch teilnehmen und sich hier äußern, offenbar nicht. Sie versuchen, viel zu ernst, das Stück, die Inszenierung, die 'viel zu harmonische Beleuchtung' einzuordnen, zu verstehen, doch auch sie kommen – wie die Figuren des Stücks – nicht hinter sich selbst zurück. Dabei zeigten die Figuren, Pepel, Natascha, Nastja, Kleschtsch, und der Baron eindrucksvoll und offen ihre eigenen Blockaden, doch bei Fragen wie der folgenden besteht wenig Hoffnung für einen ergebnis- und seelenoffenen Dialog zwischen Gegenstand des Schauspiels samt dem darin inkludierten Wollen der Inszenierung und einem Publikum mit einer derart phantasiestillen Vernünftigkeit und Konkretheit des Verstehenwollens:

Die jungen Leute von heute und die Meinungen der Alten von gestern dazu

So sagte ein Teilnehmer des Gesprächs, engagiert und voller Überzeugung: “Die jungen Leute heute versinken im Selbstmitleid, genau wie die Akteure des Stücks – statt etwas für die Gesellschaft zu tun.”

Vielleicht ist das Frankfurter Publikum an diesem Abend noch nicht so weit gewesen und vielleicht gibt es doch noch nicht genügend Ratgeberliteratur in der Stadt der Buchmesse à la “So verstehen Sie ein Theaterstück richtig” oder “Gelbe Kleidungsstücke in einer Theaterinszenierung müssen nicht zwangsweise immer das Gleiche bedeuten und auch nicht immer auf einen Fetisch hinweisen, Teil 1”.

Tucholskys schwedischer Sachse im Publikum?

Es war, als sei mancher im Publikum die Reinkarnation von Tucholskys schwedischem Sachsen gewesen – so viel Zitat muss sein zum Abschluss:

“Er bekleidete nicht nur die Stellung eines Buchhalters – er war wirklich einer, er war es durch und durch. Wenn man mit ihm ging, so las er in der Natur wie in einem Hauptbuch, er unterwarf sie sich dadurch, dass er in ihr genau Bescheid wußte, sie konnte ihm nicht entrinnen. Er rationalisierte sie, und das bezaubernd Sächsische daran war, dass er Schweinezucht, Wegentfernung und schöne Aussicht gleichermaßen rationalisierte; war im Führer vermerkt, dass dies eine altberühmte historische Stätte sei, so war dies eine altberühmte historische Stätte, und war eine schöne Aussicht vermerkt, dies Ideal aller Kleinbürger, dann blieb er stehn und nahm sie zu sich. Und ging ungerührt weiter.”

Und leider wirkte dies auch ein wenig so beim Publikum, obwohl es sich – und dies war sehr rührend – ernsthaft bemühte zu verstehen. Immerhin, dies ist ein Anfang. Und um Blockaden zu lösen, ist ein Anfang allemal besser als

The End.

Besucherfazit

Sehr gelungene Inszenierung, tolles junges und ambitioniertes Schauspiel

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
5 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Ähnliche Veranstaltungen in der Nähe

Zuletzt aktive Livekritiker

  • Julia Schell
  • theatermail nrw
  • Iris Gutheil
  • Iris Souami
  • Ute Schmücker
  • Sarah Dickel
  • Kyritz
  • Zelli
  • Stephan Baresel
  • Daniel Anderson
  • Alminka Divković Hurabašić
  • Benjamin Njoroge
  • Tanja Piel
  • Jamal Tuschick
  • Katharina Hö
  • Elena Artemenko
  • Nick Pulina
  • Ella Görner
  • AnneW
  • Odile Swan
  • august14979

Für Freikarten und Kulturtipps

Andere Besucher interessierte auch

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!