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Livekritik zu

Julietta

21.06.2015 - 13.07.2015 | Frankfurt am Main / Oper Frankfurt
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H. Illian
am 22.06.2015

Am Ort des Zerrinnens

In seiner Traumdeutung schreibt Freud zur Frage, warum man den Traum nach dem Erwachen vergesse, Folgendes:

"Daß der Traum am Morgen 'zerrinnt', ist sprichwörtlich. Freilich ist er der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den Traum ja nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir glauben sehr oft, daß wir ihn nur unvollständig erinnern, während in der Nacht mehr von ihm da war; wir können beobachten, wie eine des Morgens noch lebhafte Traumerinnerung im Laufe des Tages bis auf kleine Brocken dahinschwindet [...]".

Dass es uns als Subjekt innerhalb unserer Träume möglicherweise nicht anders ergehen könnte und  wir die Brocken unserer bewussten Wirklichkeit innerhalb unserer Träume ebenfalls nicht oder eben nur teilweise erinnern und stattdessen traumeigene Sehnsüchte und Wirklichkeiten träumend als real erleben, davon handelt Bohuslav Martinůs Oper Julietta, die am Sonntagabend (21. Juni 2015) Premiere an der Oper Frankfurt hatte.

 

Traumbürokratie im Zentralbüro

Genauer gesagt, spielt sie am vorbewussten Ort dieses (beiderseitigen) Zerrinnens, wo der vorherige Seinszustand noch unzerronnen ist, herbei- und hinfortgesehnt wird: im von Boris Kudlička eindrucksvoll gestalteten Zentralbüro der Träume, das von einem bürokratischen 'Eichmann der Träume' verwaltet wird.

Hierher, ins Büro, kommen alle, die kurz vor der Realität ihres Lebens flüchten wollen. Oder die aus ihrem Traum nicht mehr zurück möchten - so wie Michel, der Held der Oper, großartig verkörpert und intoniert von Kurt Streit. Michael hat einen guten Grund zu bleiben: Julietta (Juanita Lascarro), in die er sich während des Träumens, das er für Realität hielt und hält, schon vor 3 Jahren (sic!) verliebt hat. Wer also könnte ihn davon abhalten?

Die Protagonisten seines Traumes jedenfalls nicht. Eine seltsame Stadt bilden und bevölkern sie. Sie wohnen in Michel selbst, da er sie ja selbst erträumt. Nur weiß er es nicht und verlangt von ihnen die Antworten, die er nur selbst geben könnte. Wo ist Julietta? Liebt sie ihn? Oder macht sie sich gar über ihn lustig? Stattdessen vergessen die Bewohner dieser Stadt innerhalb von 10 Minuten wieder alles, was sie zuvor noch zu wissen schienen. Nicht die Zukunft wird ihnen daher folgerichtig weisgesagt, sondern die Vergangenheit. Oder sie wird ihnen in Form von käuflichen 'Erinnerungen' immer wieder aufs Neue verhökert, von Händlern, die vermutlich auch nicht allzu lange wissen, was sie mal wussten. Seltsam ist das alles, und auch ziemlich witzig, dank der gelungenen Inszenierung von Florentine Klepper.

 

Vergessen will ich, geh zur Ruh', schließe beide Äuglein zu

'Vergessen will ich, geh zur Ruh, schließe beide Äuglein zu, und mach sie wieder auf, weil ich nicht vergessen kann, weil ich nicht wieder aufwachen möchte', scheint Michel zu fühlen. Sein träumendes Wesen ist von Julietta besessen. Damit ist er nicht allein, wie sich zeigen wird. Die Stadt, in die er eintaucht, die aus ihm auftaucht, ist voll von 'Vergessenen' wie ihm. Ist er, sind sie im Liebeswahn gefangen oder nicht doch vielmehr 'darin befreit'?

Hier kommt es auf den Standpunkt an: Traumwirklichkeit oder Wachwirklichkeit?, Bewusstsein oder Vorbewusstsein? Denn so oder so; Träumend oder wachend, bleibe ich gefangen auf einer Insel der Wahrnehmung, ob nun 'wahnsinnig' oder 'wahnsinnig gesund', meinen Puls meiner Smartwatch oder meinem Gesture Control Armband anvertrauend.

 

Hiroshima, mon amour, was tun?

Im Vergessen blüht die Liebe, die Vergebung, in ihm schlummert aber auch die Wieder-Ermöglichung des Furchtbaren, der entfesselten Liebe, des Hasses. Hiroshima, mon amour, was tun? Michel möchte im 'Wahnsinn' die Wachenden vergessen, und zugleich 'träumend' Julietta nie vergessen. Er liebt sie. Er folgt ihr, auch wenn sie ihn gar nicht ruft, weil nur er selbst es ist, der sich ruft. Manisch überhöhend, folgt er ihr (sich) in die erhoffte Erlösung und strandet am Ende, der ein Anfang sein kann, doch nur in seiner solipsistischen Vereinzelung. Die Frage ist nur, auf welchem Ufer er anlandet: Haben wir in der Oper mit ihm geträumt oder waren wir die Wachen seines romantischen Untergangs?

Es lohnt sich, dies herauszufinden.

An folgenden Terminen wird Julietta erneut von Michel ersehnt, wieder unter der sehr überzeugenden musikalischen Leitung von Sebastian Weigle: 25.06.2015, 27.06.2015, 03.07.2015, 08.07.2015, 13.07.2015.

Besucherfazit

Eine musikalisch anspruchsvolle Opern-Inszenierung, die sich absolut lohnt.

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