Overlay
Livekritik zu

Giulio Cesare in Egitto

31.05.2015 - 31.10.2015 | Berlin / Komische Oper Berlin
« zurück zur Veranstaltungsseite
Frollainwunder
am 01.11.2015

händels musik kommt fließend daher, lieblich, auf eine zärtliche weise, mit wenig spannungsbögen. da barockes mir aber gefällt und eine oper am liebsten auf italienisch sein sollte, ist der rahmen ein schöner, gelungen.
die amerikanerin lydia steier hat die regie übernommen und verliert sich in der opulenten schweren bühnendekoration. die inszenierung leistet sich keine raffinierten schlenker, das drama ist recht klassisch angelegt. die bühne verschiebt sich immer wieder aufgeregt, zeigt beeindruckende säle im vintage-prunk, der kristallüster funkelt. unter jagdtrophäen, einer eher unpassenden kulisse, wird der junge sesto (theresa kronthaler) von achilla (papendell) gequält, mutter und witwe cornelia leidet barock ausstaffiert mit. beide rollen sind stimmlich ein traum. auch sydney mancasola als verführerische kleopatra (mit kult-frisur) ist umwerfend, ihr sopran ein absoluter genuss. die chemie mit cäsar, dem angebeteten, fließt erotisch (und man denkt dann doch an liz taylor und richard burton). auch wenn dominik köninger als regent etwas schwach auf der breiten brust klingt. dass die regisseurin ihn anfangs auf einem schneeweißen kunstpferd reinschieben lässt, belustigt eher, auch kleopatras vom göttlichen himmel herabgleiten in einem unglaublich verkitschten güldenen wolkenwagen.
günter papendell als finsterer widersacher achilla hat in dieser inszenierung recht wenig zu tun, schnöselt sich rauchend durch die rolle, ballert leidenschaftslos mit einem revolver herum. wenn er singt, dann aber mit wiedererkennungswert. (als don giovanni in der regie von helmut fritsch erlebt man ihn hingegen völlig extrovertiert, und hinreißend.) hier wird er schließlich von sesto (theresa) ermordet, eine recht lasche szene, fast blutleer. sesto schleift den halbnackten achilla kurzentschlossen in einem weißen tuch davon.
anna bernacka darf kleopatras machthungrigen bruder tolomeo geben und inszeniert sich etwas breitbeinig, verächtlich, gierig. stimmlich passend und pointiert, aber man spürt doch immer die verkappte besetzung durch eine frau, was nicht unüblich ist, aber hier irritiert in der dominanten aufgesetztheit. ambivalente entscheidung.
auch die von lydia steier drapierte erotik mündet oft in klischees, kniehohe lederstiefel, hui, kreisende hüften, geile übergriffigkeiten, gold. so wird der klassiker zum antiken opernschinken 2015. auch wenn sich die inszenierung nach eleganz sehnt.
es bleiben die vielen großartigen stimmen, kleopatra, sesto, cornelia, auch tolomeo, vier frauen, denen man staunend lauschen will. und muss.

Besucherfazit

eine umwerfende kleopatra entsteigt einer barockkitschigen über-kulisse

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
8 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Ähnliche Veranstaltungen in der Nähe

Zuletzt aktive Livekritiker

  • Juliane Wünsche
  • Sus Ann J
  • Odile Swan
  • Elisaveta K. Yordanova
  • Tollwood
  • Iris Souami
  • Aberabends
  • poy
  • CHAMÄLEON Theater GmbH
  • Ulf Valentin
  • Theater o.N.
  • Benjamin Njoroge
  • Monique Siegert
  • Irina Antesberger
  • Luisa Mertens
  • Susanne Elze
  • Sarah Divkovic
  • Wilhelmine Molt
  • Zelli
  • Holger Kurtz
  • MartinDoeringer

Für Freikarten und Kulturtipps

Andere Besucher interessierte auch

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!