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Livekritik zu

Opernfrühstück

25.11.2012 - 10.06.2018 | Berlin / Komische Oper Berlin
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Der Opernfreund
am 26.06.2013

„Noch eine „Zauberflöte“ und dazu noch so kurz nach der schrecklichen von Hans Neuenfels“, hatte man gemault, wo doch die von Everding in der Staatsoper und die von Krämer in der DOB das Zauberflötenbedürfnis durchaus abdeckten. Aber was Barry Kosky in der Komischen Oper nun zuwege brachte und was am 29.11. seine zweite Aufführung erlebte, ist so einmalig, so poetisch und skurril zugleich, daß das gesamte Werk wie mit einer Frischzellenkur verjüngt oder wie durch einen Jungbrunnen verzaubert scheint. Gemeinsam mit der Gruppe „1927“ (Jahr der Tonfilmerfindung) von Suzanne Andrade und Paul Barritt hatte er aus der Oper einen ( im wesentlichen) schwarzweißen Animations-Stummfilm werden lassen, mit Sprechbla- sen zu Mozartscher Klaviermusik (Bonnie Wagner am Hammer-klavier) und unangetasteten Arien, deren Stimmung auf wundersame Weise durch die Animationen von Paul Barritt eingefangen worden war und wiedergegeben wurde. Da gab es nicht nur für Papageno eine schwarze Katze als treuen Begleiter, war die Zauberflöte eine Libelle mit Frauenleib, gab es wunder- sames Getier und eine ebensolche Pflanzenwelt und in Sarastros Reich mechanische Wesen aller Arten. Seiten könne man über all den Zauber, der entfaltet wurde, schreiben, und doch wirkte die Szene nie überladen, kamen die Sänger zur gewünschten Wirkung, wurde alles Klamaukige streng vermieden. Fast ausschließlich in Schwarzweiß waren die Kostüme gehalten (Esther Bialas) mit Ausnahme von Braun für die Drei Damen und Papageno und Grellbunt wie für eine Zirkusprinzessin Papagena. Immer wieder wurde man an die Frühzeit des Films erinnert mit gestrengen, zylindertragenden Herren wie aus aus Bartwuchsmittelreklame, mit einem Pagenkopf für Pamina à la Pola Negri, mit einem verdüsterten Papageno wie Buster Keaton. Das phantasiereiche Wirken des Regieteams kannte keine Grenzen.

 

Zupackend, dynamisch und kontrastreich hatte es vielversprechend mit der Ouvertüre als pure Musik (selten!) begonnen, der neue Chefdirigent Henrik Nánási ließ frischen Wind auch durch den Orchestergraben wehen. Einen vorzüglichen lyrischen, aber alles andere als anämischen Tenor hatte man mit Peter Sonn als Tamino mit durchaus schon heldischen Anklängen und auch farbiger Mittellage gewonnen. Eine zartstimmige Pamina war Maureen McKay, sehr anrührend, auch wenn die Wärme, die man gern besonders in der g-molll-Arie hört, noch etwas fehlt. Auch noch an Aplomb zunehmen sollte die Königin der Nacht, die mit Julia Novikova sichere Höhen hatte, deren Eiseskälte noch an spitziger Durchschlagskraft gewinnen könnte. Knarzig in der Tiefe erschien der Sarastro von Christof Fischesser, der ansonsten sonor und würdig seinen Part vertrat. Fast ein Ausfall hingegen war der Monostatos von Stephan Boving, dem man mehr Charaktertenor-Schärfe gewünscht hätte. Einen (verstärkten) Sprecher gab es auch, doch ist sein Name nicht auf dem Besetzungszettel zu finden. Anders die beiden Geharnischten, die mit Vincent Wolfsteiner und Bogdan Talos würdig vertreten wurden. Bei den Damen schwächelte etwas der Sopran von Ina Kringelborn, wacker schlugen sich Karolina Gumos und Maija Skille. Zauberhaft waren die drei Knaben vom Tölzer Knabenchor. Ihre kurze Partie der Papagena präsentierte Julia Giebel mit Anstand. Exzellent feierte der Chor (André Kellinghaus) Sarastros Weisheit und Tugend.

 

Die der Komischen Oper ist mit dieser Produktion nicht etwa die Dritt-Zauberflöte von Berlin, sondern etwas ganz Besonders und höchst Erfreuliches.

Ingrid Wanja

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