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Livekritik zu

Die tote Stadt

03.11.2013 - 28.06.2019 | Berlin / Komische Oper Berlin
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Der Opernfreund
am 11.11.2013

Listig geworden sind die Berliner Opernhäuser, wenn es darum geht, auch ein dem traditionellen Theater zugewandtes Publikum ins Haus zu locken. Bewarb unlängst die Staatsoper "Die Zarenbraut" mit einem Plakat zweier Mädchen in altrussischer Festtagstracht und führte das Publikum in ein modernes Fernsehstudio, so lockte nun die Komische Oper mit einem Paar mit gepuderten Perücken unverkennbar aus dem Rokoko in seine Neuinszenierung von "Così fan tutte". Auch hier fand sich das Publikum in der Moderne, nämlich einer Wertstatt zur Restaurierung von Gemälden wieder, außer einigen Beispielen aus dem Barock aus dem Rokoko, vorzugsweise dem französischen, stammend. Rechts und links vor den Proszeniumslogen werkelten Weißkittel an Riesenfresken, in der Mitte der Bühne wechselte in einem Rahmen viel Fleischliches einander ab, verführerische Details aus mehr oder weniger bekannten Gemälden Watteaus oder Fragonards und anderer. Hornbrille, strenger Dutt und weißer Kittel kennzeichneten die Damen, die sich als Dorabella und Fiordiligi zu erkennen gaben, Hornbrille und Kittel trugen auch Ferrando und Guglielmo, die mit ebenfalls Weißkittel Alfonso die bekannte Wette abschlossen. Despina ist der Putzteufel der Werkstatt, schwanger und trotzdem dem Alkohol zugetan und wohl deshalb mit zu frühen Wehen bestraft. Der Chor kommt aus dem Radio, das Don Alfonso bei Bedarf einschaltet.

 

Schlimm und eklig wie schon so oft, könnte man denken, wäre da nicht die genialische Idee, die Rokokoportraits, an denen die Damen tätig sind, quasi aus dem Rahmen steigen und als unwiderstehliche Verführer wirken zu lassen. Das frivole, bunte, leichtlebige Zeitalter des Rokoko gewinnt Macht über die allzu strenge, sterile, kühle Atmosphäre der Moderne und verführt zum für nie möglich Gehaltenen. Es öffnet sich sogar die Bilderwand und gibt den Blick frei auf das berühmte Mädchen auf der Schaukel dem die Röcke fliegen, nun dreidimensional - es ist Fiordiligi mit Ferrando. Die beiden Schwestern haben längst Rokokokleidung angelegt und mit ihr etwas von der sinnenfrohen Leichtigkeit des längst vergangenen Zeitalters. Am Schluß geht es zurück in die Kittel, ein Paar läuft in entgegen gesetzte Richtungen voreinander davon, das andere blickt sich verstört an, Despina kreißt vor sich hin, und Don Alfonso hat seine Wette gewonnen. Nicht zufällig steht wohl im Programmheft ein Zitat von Achim von Arnim, in dem er den Untergang des Rokoko als eines Zeitalters, das er als "reich erfüllt" ansieht, beklagt. In einem Interview hatte Regisseur Alvis Hermanis es als großen Fehler der Regie in Deutschlang angeprangert, die Geschichte gänzlich auszusparen, Stoffe jedweder Art in die Jetztzeit zu versetzen und sie damit ihrer Einmaligkeit und Glaubwürdigkeit zu berauben. Durch den Kontrast zwischen der Sinnlichkeit des Rokoko und der Sterilität der modernen Werkstatt entstand eine starke optisch wahrnehmbare Spannung, der Bühnenbildnerin Uta Gruber-Ballehr und der Kostümbildnerin Eva Dessecker zu verdanken. Ein besonderer Kunstgriff der Regie war es, mehr der Gegenwart Zugewandtes in Deutsch, die Werbe- und Verführungsarien der Herren auf Italienisch singen zu lassen, wodurch diese zusätzlich an erotischer Kraft gewannen.

 

Ganz auf der sinnlichen Seite mozartscher Musik stand Dirigent Henrik Nánási, der sie aufblühen, mit den Sängern atmen, filigran sich an die Stimmen schmiegen und zum Kontrast zur Werkstattatmosphäre werden ließ. Mit zunehmendem Verlauf der Vorstellung gewann die vokale Leistung von Nicole Chevalier, die bei "Come scoglio" noch mit einer matten Mittellage zu kämpfen gehabt hatte. Ihre zweite Arie sang sie trotz der unglaublichen pathetischen Verrenkungen auf dem Sofa mit schönem Ebenmaß und in allen Lagen ungefährdet. Was es mit dem Riesenschlauch, mit dem sie kämpfte und den Schwester Dorabella zur Selbstbefriedigung nutzte, auf sich hatte, blieb ungeklärt, und sein Gebrauch erschien überflüssig und aus dem sonst geschmackvollen Rahmen fallend. Im Timbre nicht wesentlich dunkler war die Dorabella von Theresa Kronthaler mit herbem Mezzo und heftigem Temperament in den Arien , von denen die im zweiten Akt mehr Mezzofarben zeigte. Angemessen scharfzüngig klang die Despina von Mirka Wagner, die hier als künftige allein erziehende Mutter wußte, wovon sie in ihren illusionslosen Arien sang. Einen gut ansprechenden, hellen Tenor setzte Ales Briscein für den Ferrando ein, attackierte beherzt den Ton, interpretierte sehr vokalbetont den "Odem der Liebe", er noch poetischer geraten könnte. Im "Verraten" geriet auch die Agogik reicher als in der ersten Arie. Einen über alle Register farbig klingenden Bariton hatte Dominik Köninger für den Guglielmo, setzte ihn flexibel und in seiner Wutarie auch rasant ein, dazu war er ein temperamentvoller Darsteller. Den überlegenen spiritus rector gab unangefochten Tom Erik Lie, ein unverzichtbares Ensemblemitglied seit vielen Jahren.

Übrigens war auch Götz Friedrich mit seiner Textbearbeitung der deutschen Così an die KOB zurückgekehrt - man hatte sich schon über den sich von den flapsigen Übersetzungen der Homoki-Zeit unterscheidenden Wortlaut gefreut und gewundert.

Ob die vereinzelten Buh-Rufe einer zu traditionellen oder einer zu "modernen" Inszenierung galten, war nicht auszumachen.

Ingrid Wanja auf deropernfreund.de

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