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Livekritik zu

Wir Zöpfe

13.12.2014 - 15.04.2015 | Berlin [ Mitte ] / Maxim Gorki Theater Berlin
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Deborah Katona
am 05.02.2015

Wir Zöpfe“, das Stück von Gorki Neu-Hausautorin Marianna Salzmann sollte im Dezember letzten Jahres Premiere feiern, wurde dann aber auf Februar 2015 verschoben. Nicht so die Szenerie - es ist im Stück noch immer zwei Tage vor Weihnachten. Nachdem Anastasija Gubareva, die die Nadeshda spielt, dies dem Publikum zu Beginn erklärt hat, geht es auch schon mitten rein ins Gewusel. All zu viel Platz zum Schauspielern bleibt den sieben auf der Bühne im Maxim Gorki nicht. Ein riesiger Hase nimmt einen großen Teil des Schauplatzes ein. Das Pochen seines Herzens hört man nicht nur permanent im Hintergrund, man sieht ebenfalls das Auf und Ab seines Hasenkörpers.

In dieser Kulisse trägt sie sich zu, diese Multikulti-Weihnachtskomödie, deren Themen eigentlich so gar nicht zum Lachen sind. Da ist also Nadeshda, die ihr Kind abgetrieben hat, das sie mit dem Amerikaner John gezeugt hatte. Die beiden sehen sich nur hin und wieder mal und haben eine genauso problembehaftete Beziehung zueinander wie Nadeshda und ihre Mutter Wera. Diese ist Ärztin, verstört, unsicher, hysterisch. Sie hat Nadeshda als Kind oft zurück gelassen, um Geld für die Familie zu verdienen.

Auch mit Großvater Konstantin, einem vergewaltigenden Kriegsveteran, sieht es nicht besser aus. Er vegetiert nur vor sich hin und wenn er redet, dann geht das oft unter die Gürtellinie. Durch mehrere Zwischenfälle landet Mutter Wera im Bett (hinter dem Hasenbein) mit John. Später sitzt die gesamte Gruppe zu allem Übel auch noch zusammen zum Weihnachtsessen an einem Tisch. Dazu gesellen sich Blumenhändler Imran (Mehmet Yılmaz), der ebenfalls ein Auge auf Wera geworfen hat, und Krankenpfleger Chris (Mehmet Atesci). Dass da früher oder später die deutschen Klöße fliegen, ist quasi vorprogrammiert.

Immer dabei und doch nie wirklich Teil der Gruppe ist der Geist von Ljubow, überzeugend gespielt von Dimitrij Schaad. Zugleich lustig und peinlich erschreckend die Worte von Nadeshdas abgetriebenem Kind. Es erzählt Witze voller Pimmel und Fotzen und Elefantensperma, so ziemlich jede Rasse und Religion wird in den Arsch gefickt. Außer der Mutter - die wird gefistet. Der Babymann, der eigentlich ein Mädchen werden sollte, steht da auf der Bühne. Mit seinen Grübchen und dem lächerlichen Raver-Outfit samt pinken Leggins. Oder im Ganzkörperstrampler oder wild mit Lichterkette umwickelt.

Die derben Witze rufen anfangs noch Lachen hervor, dann "Wow" und "Ohhh". Dann gibt es vom Publikum nur noch betretenes Schweigen. Dieses Unwohlsein, das der Fötus mit seinen Worten auslöst, ist sicherlich kalkuliert und stimmt gleichzeitig nachdenklich. Welche Vorurteile hat jeder von uns - so liberal er sich doch auch nennen mag - nicht doch irgendwie mit der Muttermilch aufgesogen? Aber auch: Wann ist es endlich genug? Und muss dieses Unter-der-Gürtellinie-Theater wirklich sein?

Diese Frage ist und bleibt wohl eine des Geschmacks. Die vielen harten Worte helfen aber trotzdem nicht darüber hinweg, dass es dem Stück an Tiefe fehlt. Was wiederum wohl ungewollte Komik in dieser Komödie ist. Denn es sind geradezu emotionsüberbeladene Themen, die Marianna Salzmann sich da rausgesucht hat. Abtreibung, das Gefühl der Machtlosigkeit, Fremdenhass, Einsamkeit, Gewalt. Eine zerrissene Familie. Jeder will irgendwie nur das Beste und ist selbst so in sich und den anerzogenen Strukturen gefangen, dass er nicht aus seiner Haut kann. Doch trotz dieser Themenfülle will der Funke nicht überspringen. Zu schwach manche Bilder, zu langatmig manche Szenen – dabei ist das Stück gerade einmal eineinhalb Stunden lang. Und so ist das Stück wie eine schlecht sitzende Frisur: Der gute Wille war da, nur an der Umsetzung hapert es irgendwie.

Besucherfazit

Eine Multikulti-Weihnachtskomödie, deren Themen eigentlich so gar nicht zum Lachen sind.

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