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Livekritik zu

Nach Guernica. Die Stadt, das Ereignis, das Bild

14.10.2016 - 15.10.2016 | Berlin [ Kreuzberg ] / Theaterforum Kreuzberg
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Daniel Anderson
am 17.10.2016

AUF NACH GUERNICA

Die insgesamt 12.Produktion des 'SiDat! – Projekttheaters' von Peter Wittig und Margarete Steinhäuser steht in einer langen und engagierten Tradition der Macher. Mit der vorliegenden Inszenierung bleibt sich der Regisseur Wittig treu und vermag mal wieder eine starke, emotionale Stimme gegen Krieg zu sein.

Das Stück: Eine verstörende Art Kopfkino des spanischen Autors Mariano Llorente, das zum Teil in der Tradition von Surrealisten wie Bunuel steht, teilweise aber auch, dem Gegenstand der Erzählung geschuldet, einem harten Rationalismus verpflichtet ist. Multiple Ebenen konterkarieren, kommentieren und illustrieren die Geschichte Gurnercias, die der Stadt, die des Ereignisses der Zerstörung und die des wohl berühmtesten Bildes von Picasso. Aufgehängt wird dieses Kaleidoskop an Figuren, die in einer unmittelbaren oder auch nur mittelbaren Relation dazu stehen: einer der Piloten der faschistischen Legion 'Condor', die die baskische Stadt im April 1937 zerstörten und eine nicht genau zu verifizierende Zahl von Menschen ermordeten, Picasso, und drei Generationen von Anas aus Guernica. Für den Zuschauer ist es sinnlos, einen wie auch immer gearteten rationalen Zusammenhang zwischen den Segmenten, aus denen der Abend gebaut ist, herstellen zu wollen. Es wird sich keine Logik ergeben können, und das ist auch gar nicht intendiert.

Daniel, ein deutscher Kunstgeschichtsstudent verliebt sich vor dem Bild im Museum von Madrid in Ana, die behauptet, seine Augen schon einmal gesehen zu haben. Ana schickt Daniel auf eine Reise durch die Vergangenheit seiner Familie, die mit der Geschichte ihrer Familie durch das Ereignis der Bombardierung untrennbar miteinander verbunden ist. Einmal mehr kommt einem nach der Vorstellung aber die Erkenntnis in den Sinn, dass, wer keine Geschichte hat, auch keine Zukunft haben wird. Guernica ist überall, wo Krieg herrscht.

Die Inszenierung: Die Bühne, auf der eine zweite Bühne steht und die von einem, aus einer überdimensionalen Abspannung bestehenden Rahmen, der den Maßen des Picasso Bildes nahe kommen dürfte, zum Zuschauerraum hin abgegrenzt wird, ist Museum, Feld, Wohnung, Buchladen, Picassos Atelier, Straße. Die Metamorphosen des Bühnenraumes in die verschiedenen Spielorte gelingen mühelos, werden einerseits durch Chöre realisiert, andererseits gelingt es durch ein strukturierendes Lichtkonzept sofort und unmittelbar lebendige Bezüge herzustellen. Die Spielweise des Ensembles chargiert zwischen Naturalismus und Traum, zwischen Gedankenwelt und realem Sosein und ist dabei stets in der Lage, den Zuschauer in die Figuren 'mitzunehmen'. Die klare Abgrenzung wird oft absichtlich verwischt, beispielsweise dadurch, dass Regieanweisungen und Szenentitel Teil des Textes sind oder auch, dass die Regie unmittelbar in Form von Lichteffekten die Bühne betritt. Ungewöhnliche Figurenkonstellationen, wenn beispielsweise die sechsjährige Ana von ihrer Großmutter Ana gesprochen wird, während das Mädchen stumm agiert, fordern den Zuschauer immer wieder auf zu urteilen und die Vorgänge emotional zu hinterfragen. Dabei gelingt es Wittig in seiner komplexen Inszenierung, die niemals versucht ist, den Zuschauer zu überfordern, ihn vielmehr emotional zu packen, die Dialektik von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft intensiv erfahrbar zu machen. Das Wechselbad der Gefühle, in die das Publikum gekippt wird, lassen die zweistündige Inszenierung nie lang erscheinen. Die Eindrücklichkeit der Botschaft ist nie tendenziös. Die immer wieder durchscheinende Lakonie bereitet Vergnügen. Wenn das Ensemble zum Beispiel aus dem Stück 'heraustritt' und die Geschichte erzählt, dass bei der UN ausgerechnet in dem Raum, in dem ein Wandteppich mit Picassos Guernica-Motiv hängt, der zweite Irak-Krieg beschlossen wurde und aus diesem Anlass das Bild mit einer UN-Fahne unsichtbar gemacht wurde, wird diese Absurdität durch diese fast als Privatismus zu bezeichnende Szene fast schon komödisch. Auch die nahezu schon als Slapstick Einlagen zu bezeichnenden Szenen zwischen einer 100jährigen Frau im Rollstuhl und ihr 80 Jahre alten Tochter bedienen sich dieses Mittels. Die Anklänge an ein Agit-Prop-Theater in Deutschland und der Sowjetunion in den 20.Jahre des vorigen Jahrhunderts sind offensichtlich beabsichtigt und hier auch berechtigt.

Das Ensemble: Jeder Schauspieler spielt in Wittigs Inszenierung mehrere Rollen, klug durchdacht, stimmig miteinander verbunden.

Margarete Steinhäuser, wie immer brillant und souverän, weiß ihre Mitte 80jährige Ana als Instanz aufzubauen, ohne dabei von einem moralischen Hochparterre aus zu agieren. Das ist vergnüglich und spannend zu beobachten. Die Klippen, die die Schauspielerin dabei zu meistern hat, sind hoch und schwierig, was ihr bravourös gelingt.

Linda Sixt, eine der vielen Entdeckung an diesem Abend für mich, gibt neben einer schwerhörigen Stadtbewohnerin, die Mutter der Ana. Sixt differenziert sorgsam und ausgewogen, ist verzweifelt und liebevoll und läuft jedoch niemals Gefahr zu überagieren. Sie scheut sich dabei nicht, der Inszenierung gemäß, ihrem Affen Zucker zu geben. Besonders in der Mallorca-Szene weiß Sixt ein Spiel zu zeigen, dessen ausufernde Zurückhaltung zu den Höhepunkten der Inszenierung zu rechnen ist.

Bianca Faber spielt ihre Ana mit einer frischen Jugendlichkeit und weiß sie im nächsten Moment so zu brechen, dass man den Atem anhalten muss. Faber gelingt es tatsächlich, verzweifelte Traumgestalt und reales Verliebtsein in ein und dem selben Augenblick zu zeigen. Das ist niemals angestrengt, sondern scheint immer aus dem Bauch heraus mit viel Wissen und Kraft zu entstehen. Ihr stummes Spiel als sechsjährige Ana vermag es mit der Stimme von Margarete Steinhäuser, zu einer neuen Qualität von Figur zu verschmelzen. Zweifellos eine großartige Gesamtleistung.

Alexander Schank, dessen empathische Drahtigkeit seiner Rollen, Daniel und dessen Urgroßvater Hans, sofort packend ist und die Bühne füllt, gelingt in dieser Inszenierung, was man doch oft sehr schmerzlich vermisst: Der Aufbau einer emotionalen Nähe. Das ist nie distanziert, sondern immer ganz und gar präsent, nie abgehoben und doch ist der Schauspieler in der Lage, seine Figuren in Zweifel zu ziehen. Sehr stark.                 

Konstantin Klemm, dessen komödisches Talent außer Frage steht, gibt neben einem Schwarmführer der Bomber und einem Gestapomann, Sabartés, Picassos Sekretär. Eine reife künstlerische Leistung. Klemm lässt seinen Sabartés eine leichte, von liebevoller Distanziertheit gekennzeichnete Beziehung zu Picasso aufbauen und so seinem 'Meister' ganz menschlich hinter die Maske des Genies zu blicken. Besonders beeindruckt haben mich auch hier die Brüche in der Figur, die selbst dann noch ihre Wirkung entfalten konnten, wenn Klemm mit dem Rücken zum Publikum agiert.

Robert Schonk spielt nicht nur den Picasso, sondern er scheint sogar in jedem Augenblick Picasso zu sein. Sorgsam nimmt Schonk seine Figur auf die Schippe, karikiert sie und ist gleichzeitig in der Lage, die Ernsthaftigkeit des Genius nicht zu verraten. Schonk bewegt sich sehr glaubwürdig zwischen den Parallelwelten des Malergenies, zwischen seinem eigenen Bild von sich und dem, was er sich vorstellt, welches Bild man von ihm haben könnte. Das ist tragisch, komisch, traurig und lakonisch zur selben Zeit. Wie Schonk diese 'Verkleidungen' angesichts der Nachricht über die Bombardierung Guernicas abzulegen weiß, um dahinter als 'nackter', betroffener Mensch sichtbar zu werden, hat unbedingt Größe.

 

Weitere Vorstellungen:

15./16. Oktober 2016 um jeweils 20.00 Uhr im theaterforum kreuzberg, Eisenbahnstraße 21, 10997 Berlin 

10./11./12. November um jeweils 19.30 Uhr im Thetaer Zukunft,  Laskerstraße 5, 10245 Berlin 

                                      

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