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Livekritik zu

Die hellen Haufen

12.06.2013 - 15.06.2013 |
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Daniel Anderson
am 22.10.2014

Die Revolution findet im Saal statt.

Im Theatersaal des 'Theaterforum Kreuzberg'. Eigentlich ist sie dort falsch, die Revolution, denn sie hätte nach draußen gehört, damals, kurz nach der sogenannten 'Wende', die in Wahrheit eine feindliche Übernahme war. Aber das wissen wir heute, das haben wir damals nicht bemerkt oder wollten es auch gar nicht bemerken, denn die D-Mark hatte fast allen die Sinne vernebelt. Plötzlich waren Menschen, die sich durch offene Zäune in Richtung Westen auf und davon machten oder auf Botschaftsgelände campierten, Helden, Menschen, die ihre Kinder einfach sich selbst überließen, um auf der anderen Seite ein besseres, sprich mit materiellem Wohlstand angefülltes Leben zu führen, wurden nicht dafür zur Verantwortung gezogen. Nur die, die sich ihre Heimat nicht nehmen lassen wollten, die wurden bestraft, verachtet und letztlich als Masse doppelt freier Lohnarbeiter vergessen.

Volker Braun berichtet in seinem Text "DIE HELLEN HAUFEN" von einem nichtstattgefundenen Aufstand, von einer nichtstattgefundenen Revolution. Als die Kalikumpel im Mansfeld von der Treuhand 'abgewickelt' wurden, wie es euphemistisch heißt, hätte es diese Revolution geben können. So wie sich die Haufen der Bauern um Thomas Müntzer schon einmal dort sammelten und gegen die, die ihre Existenz vernichten wollten, zu Felde zogen, so hätten die 'Die Hellen Haufen' der Kalikumpel gegen den Ausverkauf ihres Lebens marschieren können. Sie schwankten damals zwischen Hoffnung auf neue Investoren, Wut auf Anschlussgewinnler und Trauer um ihre gebrochene Biographie. Eine ganze Region versank schließlich in Agonie. Die Kumpel und ihre Familien ergaben sich ihrem Schicksal, nachdem ein Hungerstreik den nunmehr Mächtigen im Land nur ein müdes Lächeln abringen konnte. Wer konnte, floh. Frauen verließen ihre Männer, bei denen die geballte Faust aus der Hosentasche auch schon mal auf den neuen Besitzer der örtlichen Reifenwerkstatt niedersauste. Kleine Ventile, den Druck aus dem Kessel zu lassen.

Braun spinnt den Faden weiter – "was wäre, wenn?" Hätte es vielleicht einen wie den Anarchisten Hölz gegeben, wäre der "Keine-Gewalt-Kampf" vielleicht ganz schnell in einen bewaffneten Aufstand umgeschlagen. Hätte die Bundeswehr eingreifen und auf die Neubürger aus dem Anschlussgebiet geschossen, wären die als bewaffnete, 'Helle Haufen' in Richtung Landes- und Bundeshauptstadt gezogen? Wäre es zum Blutbad gekommen, das Monate zuvor während der Montagsdemos nicht stattgefunden hatte? Wäre dadaurch das Schicksal der Kalikumpel zu ändern gewesen? Und wie sähe dieses Land heute, mehr als zwanzig Jahre danach aus?

Das "sidat! Projekttheater" feiert mit seiner zehnten Produktion ein Jubiläum. Dass es die Uraufführung der Bühnenbearbeitung des Volker Braun Textes durch Regisseur Peter Wittig ist, mag Zufall sein, vielleicht auch nicht. Das Ensemble agiert vorwiegend als Chor, also als Volk in der Tradition antiker, griechischer Dramatik. Die handelnden Figuren treten aus diesem Chor hervor und werden so zu Stellvertretern. Dabei gelingt es den Schauspielern exellent, ihre Figuren mit nur wenigen Strichen so eindrücklich zu skizzieren, dass der Zuschauer mit einer gewissen Irritation zurückbleibt, werden die Szenen beendet. Einzelne Figuren werden synchron von mehreren Darstellern gespielt oder entschwinden visuell und sind nur noch auditiv anwesend. Verfremdungseffekte also allenthalben: kleinteilige Strukturierung; projizierte Zwischentitel wie im Stummfilmkino; Masken; Helmlampen, die die Schauspieler tragen, als Lichquelle; ein Nylonnetz, unter dem das Ensemble mit ausgestreckten Armen spielt; Fotoprojektionen; Gesänge. Die Inszenierung tut alles, um mich den großen geschichtlichen Atem der Vorgänge deutlich spüren zu lassen, mir ein Dazwischenkommen mit meiner Meinung zu ermöglichen, Haltung zu provozieren, Aktion zu denken. Professionelles Agit-Prop-Theater und gleichzeitig Theaterexperiment auf höchstem Niveau. Jedes Bild, jeder Satz, jeder Vorgang ein Hammerschlag und gleichzeitig ein fragiles Modell. Eine reife, sehr geschlossene Ensembleleistung, die dem Gegenstand angemessen ist und ihm zur unbedingten Eindringlichkeit verhilft. Gerade, dass 'echte' Figuren mit Typen konkurieren und manchmal sogar gleichzeitig während eines Vorgangs existieren, macht die hohe Kunst des Spiels und der Regie fast überdeutlich. Zu keinem Moment wird Langatmigkeit zugelassen, zu keinem Augenblick 

Ein grandioser, außergewöhnlicher, mutiger Theaterabend.   

Weitere Vorstellungen:

25. / 26. / 27. 10. 2014 jeweils um 19.30 Uhr  im TfK Berlin, Eisenbahnstraße 21, 10997 Berlin 

http://www.tfk-berlin.de

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Ensemble sidat! Projektthater "Die Hellen Haufen"
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