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Livekritik zu

Eugen Onegin

04.01.2014 - 10.01.2014 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 13.01.2014

Eugen und Lenski auf dem Brokeback Mountain

Tschaikowskis „Eugen Onegin“ im Münchner Nationaltheater

 

Lag es nun am seitlichen Sitzplatz, oder lag’s am nach oben offenen Bühnenbild,- jedenfalls wirkte diese Aufführung von Tschaikowskis Oper akustisch seltsam fern. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch eine nicht ganz glückliche Wahl der Sänger. Sicher, Rafal Siwek war ein grundsolider Fürst Gremin, der seine Arie von der Liebe, die jedes Alter befällt, sehr schön zu gestalten wußte, und Ekaterina Sergeeva überzeugte in der Rolle der Olga nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch, indem sie eine etwas kokette, der jüngeren Tatjana deutlich überlegene große Schwester abgab. In den drei Hauptrollen (Tatjana, Lenski, Onegin) aber hätte man sich durchweg kraftvollere, größere, auch differenziertere Stimmen gewünscht. Nein, die Münchner Besetzung war nicht schlecht. Aber sie konnte auch nicht so recht begeistern. Kristine Opolais wollte man die Ekstase, die Selbstentäußerung, die Leidenschaftlichkeit, in die sich Tatjana während der großen Briefszene „mit Begeisterung, Kraft und Leidenschaft“ (so die Regieanweisung, 1. Akt, 2. Bild, Nr. 9) doch hineinsteigert, nicht so recht glauben. Dafür fehlt es ihr eben genau an Begeisterung, Kraft und Leidenschaft. Auch Lenskis berühmte Arie „kuda, kuda“ (Nr. 17, 2. Akt, 2. Bild) blieb bei Edgaras Montvidas etwas zu monochrom im Ausdruck. Er singt hier doch von höchst unterschiedlichen Empfindungen, von Hoffnungslosigkeit genauso wie von Liebessehnsucht und Verzweiflung. Montvidas heller, etwas angestrengt wirkender Tenor fand dafür aber nicht die nötigen Nuancen. Artur Rucinski gab mit sonorem, manchmal etwas gaumigem Bariton (und nicht immer makelloser Intonation) einen glaubhaft gelangweilten, nonchalanten Eugen Onegin, der dann aber am Ende, als er Tatjana eben doch haben möchte, die echte Verzweiflung schuldig blieb, wenn er sein „bitteres Los“ beklagt. Fehlte es der Besetzung also ein wenig an Differenziertheit, Farbenreichtum und Ekstase, so boten Kirill Petrenko und sein großartiges Staatsorchester eben dies. Irgendwie macht Petrenko alles richtig: Er findet feine dynamische Schattierungen, weiß Spannungen aufzubauen, arbeitet Details heraus, lässt die Musik aber zugleich unangestrengt fließen. Wer sich noch daran erinnert, wie kühl und glatt der „Onegin“ bei seiner Premiere im Jahr 2007 unter Kent Nagano klang, der wird jetzt geradezu eine andere Oper erleben, - was auf die Inszenierung freilich nicht zutrifft. Krzysztof Warlikowski deutet die auf Puschkin zurückgehende Handlung aus Tschaikowskis Biographie heraus und möchte eine unausgesprochene Liebesgeschichte zwischen Lenski und Onegin aufdecken. Leider findet der Regisseur für diese so angreifbare wie subtile Lesart nur grobe, überdeutliche Bilder. So liegen Lenski und Onegin vor ihrem Duell gemeinsam im Bett, umgeben von jungen trainierten Männern in Jeans und Cowboyhut, die aussehen, als wären sie just vom Brokeback Mountain zur „ländlichen Wassermühle“ herangeritten. Und später, auf Gremins Ball, auf dem Onegin sich seiner Leidenschaft zu Tatjana bewusst wird, scheinen nur Transvestiten geladen zu sein. „Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt.“

München, 10. Januar 2014

Besucherfazit

Großartiges Orchester, akzeptable Besetzung, fragwürdige Inszenierung

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