Overlay
Livekritik zu

Tosca

06.12.2013 - 27.09.2014 | München / Nationaltheater München
« zurück zur Veranstaltungsseite
cgohlke
am 18.12.2013

Puccinis „Tosca“ im Münchner Nationaltheater

 

Normalerweise bedeutet es nichts Gutes, wenn vor Beginn einer Opernvorstellung der Intendant die Bühne betritt. Auch im Münchner Nationaltheater wurde ein Stöhnen der Enttäuschung laut, als Nikolaus Bachler vor den Vorhang trat. Die menschliche Stimme, so erklärte er, sei ein anfälliges Instrument, die kalte Witterung tue ein übriges, und leider müsse er dem verehrten Publikum mitteilen, dass der Tenor, der in der heutigen „Tosca“ den Caravadossi singen sollte, krankheitshalber habe absagen müssen. Nach einer Kunstpause, in der Bachlers Miene sich erhellte, fuhr er fort: Aber Gott sei Dank lebe man in München, und so dürfe er als Ersatz den „sicherlich weltbesten Tenor“ ankündigen, nämlich Jonas Kaufmann. Er wünsche dem Publikum einen schönen Abend und sei sicher, dass es einen solchen haben werde.

Nikolaus Bachler hatte recht: Es wurde sogar ein sehr schöner Abend. Das lag nicht nur an Jonas Kaufmann, der sich ganz kurzfristig bereiterklärt hatte, die Rolle zu übernehmen, obwohl er derzeit die anstrengenden Schlussproben für die nächste Staatsopernpremiere zu bestehen hat. Er hat sich nicht geschont. Leuchtende, kraftvoll ausgesandte Spitzentöne im ersten und zweiten Akt (diese „Vittoria“-Rufe waren nun wirklich einmal „con grande entusiasmo“); lyrisch zarte, von tiefer Melancholie umflorte Passagen dann am Ende bei „E lucevan le stelle“. Seine Partnerin Catherine Naglestadt gab eine verletzliche, tief empfindende Tosca mit tragenden Piani und einer farbenreichen Mittellage. Nur die Höhen wirkten bisweilen ein wenig angestrengt. Schade, dass Scott Hendricks als Scarpia zu harmlos blieb. Dass die Dramatik, die sich im zweiten Akt zwischen ihm und Tosca entfalten sollte, nicht so recht mitzureißen vermochte, mag auch an Luc Bondys Regie gelegen haben, die zwar dem Text genau folgt, eine tiefere psychologische Ausdeutung der Figuren aber vermissen lässt. Als Bondys Inszenierung im September 2009 die neue Spielzeit an der Metropolitan Opera in New York eröffnete, fiel sie beim Publikum gnadenlos durch. In München, wo seine „Tosca“ seit den Opernfestspielen 2010 auf dem Spielplan steht, war die Reaktion der Zuschauer am Premierenabend hingegen eher lau. Jetzt, im Dezember 2013, dankte das Publikum mit lang anhaltendem Applaus. Der Jubel galt nicht nur Kaufmann und Naglestand, sondern auch dem neuen Generalmusikdirektor Kirill Petrenko. Er gewann der Partitur eine dynamische Sogkraft ab, de nicht zu widerstehen war. Hinzu kam ein unendlicher Detailreichtum, der nie als Selbstzweck zelebriert, sondern immer sinnig in den dramatischen Strom der Musik eingebettet blieb. Noch in der Pause feilte er mit der Cello-Gruppe an letzten Details. Wo hört man so etwas sonst?

 

Christian Gohlke

München, 13. Dezember 2013

Besucherfazit

Eine faszinierende Aufführung, besonders dank Kirill Petrenko

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
5 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja

Zuletzt aktive Livekritiker

  • Eckhard Kutzer
  • Konrad Kögler @ daskulturblog
  • Ute Schmücker
  • Sarah Mauelshagen
  • Frollainwunder
  • Altfriedland
  • Luisa Mertens
  • Mel Kep
  • Nick Pulina
  • Daniel Anderson
  • Jamal Tuschick
  • Stefan Bock
  • Monique Siegert
  • Meerfreude
  • Odile Swan
  • Marylennyfee Schmidt
  • Holger Kurtz
  • Stephan Baresel
  • Iris Fitzner
  • CHAMÄLEON Theater GmbH
  • Sus Ann J

Für Freikarten und Kulturtipps

Andere Besucher interessierte auch

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!