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Livekritik zu

La Traviata

25.05.2014 | Wien / Wiener Staatsoper
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cgohlke
am 30.05.2014

„…in einem beliebigen Opernhaus…“

„La traviata“ in Wien

Im Programmbuch der Wiener Staatsoper findet sich ein vielsagender Beitrag, „Über den heutigen Abend“ betitelt. Über Jean-Francois Sivadier, den Regisseur der „Traviata“, ist darin zu lesenn, dass „jeder schauspielerische Aspekt, jedes Inszenierungskonzept ausschließlich aus der Musik“ ageleitet sein müsse. Das klingt erfreulich! Endlich also ein Regisseur, der seine Ideen aus der Musik heraus entwickelt, ein Künstler, der, so wörtlich, „die durch die Musik hervorgerufenen Eindrücke der Besucherinnen und Besucher respektiert.“ Doch dann beginnt man sich zu wundern. In Sivadiers „Traviata“ nämlich erlebe man „Sängerinnen und Sänger in einer nicht näher definierten Epoche in einem beliebigen Opernhaus, die sich anschicken, Verdis La traviata aufzuführen.“ Wie nun also? Aus der Musik abgeleitete Ideen oder davon gelöste Regieeinfälle? Sobald man den Zuschauerraum der Wiener Oper betritt, wird klar, welchen Weg die Regie ging: Der Blick fällt auf eine kahle, bläulich beleuchtete Bühne (Alexandre de Dardel), die nichts sein will als eben dies: eine Bühne in einem beliebigen Opernhaus. Ein paar Stühle stehen darauf herum, und allerlei Volks tummelt sich schon während des Vorspiels müßig auf der fast leeren Fläche. Aus Verdis Musik ist das schwerlich abgeleitet. Um die scheint sich der Regisseur insgesamt wenig gekümmert zu haben. Wenn sich etwa Violetta am Ende des ersten Aktes langsam ihre Gefühle für Alfredo eingesteht und doch immer wieder als Unsinn verwerfen möchte, was sie empfindet, so erzwingt die Situation doch, dass sie dabei alleine ist, monologisch zu sich selbst spricht, wie es die Regieanweisung denn auch klar sagt („sola“). Sivadier schert sich darum nicht im geringsten. Zunächst hilft ihr Annina (Aura Twarowska) aus dem Kleid, später gesellt sich Alfredo, dessen „Amore, amor e palpito“ „sotto al balcone“ erklingen müssten, einfach zu ihr, und aus dem Monolog wird ein nettes Liebesduett. Ähnlich widersinnig inszeniert ist gleich die nächste Szene, also Alfredos großer Monolog (!) „Lunge da lei“. Violetto kommt einfach zu Alfredo, legt sich auf eine Art improvisiertes Lager, wohl um anzudeuten, was das in Sivadiers Augen heißt für den von Liebe überwältigten Alfredo: „io vivo quasi in ciel.“ Ein paar gemalte Wolken werden zur Illustration vom Theaterhimmel herabgelassen. Man befindet sich schließlich nicht auf einem „Landgut in der Nähe von Paris“ (Libretto), sondern auf einer „beliebigen Opernbühne“ (Regie). Ja, diese Inszenierung ist so beliebig, dass sie tatsächlich überall zu sehen sein könnte. Schade, dass ausgerechnet die Wiener Staatsoper 2011 die Produktion aus Aix-en-Provence übernommen hat. Dem Haus am Ring ist damit schlecht gedient. Auch gute Sänger kommen gegen dieses unsinnige Konzept kaum an. Sie müssten schon den Mut haben, die Vorgaben der Inszenierung völlig zu ignorieren, die sie dazu zwingt, Sänger zu spielen, die sich „anschicken, Verdis La traviata aufzuführen.“ Mit der verlangten Doppelung ist nichts gewonnen, aber alles verloren: Es kann keine Intimität entstehen, keine atmosphärische Dichte, kein glaubhaftes Rollenportrait. Auch Myrtò Papatanasiu als Violetto gelingt das nicht. Hatte sie im ersten Akt noch Schwierigkeiten mit den hohen technischen Anforderungen der Partie (die Koloraturen bereiteten ihr manchmal Mühe, auch die Intonation war nicht immer makellos – „il mio penir“), so lagen ihr die lyrischen Passagen des 2. und 3. Aktes viel besser. Piero Prettis Alfredo mangelte es hingegen an Eindringlichkeit. Aber Selbstentäußerung verunmöglichte vielleicht auch die Regie. Sein schön timbriterter kraftvoller Tenor trägt nämlich auch in hohen Lagen sehr gut und wäre sicher einer größeren Emphase fähig. So wurde schließlich Giovanni Meoni als Giorgio Germont der Liebling des Abends. Tatsächlich gelang ihm eine farbenreiche Darstellung in der Auseinandersetzung mit Violetta. Louis Langrée leitete das insgesamt durchwachsene Sängerensemble und das wohlklingende Orchester der Wiener Staatsoper umsichtig, aber nicht eben temperamentvoll. Gerade bei einer so blutleeren Inszenierung hätte man sich kraftvollere Farben und Akzente gewünscht. Der gewissermaßen französisch-impressionistische Klang, den Langrée durchaus einnehmend entfaltete, vermochte es nicht, die inszenatorische Ödnis vergessen zu machen.

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