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Livekritik zu

La clemenza di Tito

10.02.2014 - 23.10.2014 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 18.02.2014

Mozarts späte Schönheit

„La clemenza di Tito“ an der Bayerischen Staatsoper

 

Dass Kirill Petrenko es meisterhaft versteht, romantische und spätromantische Musik zu dirigieren, unterliegt längst keinem Zweifel mehr. Auch in München hat er damit im Amt des Generalmusikdirektors der Bayerischen Staatsoper, das er seit dem Beginn dieser Spielzeit bekleidet, große Erfolge gefeiert, zunächst mit Richard Strauss‘ „Frau ohne Schatten“, dann aber auch mit „Tosca“ und „Eugen Onegin“. Jetzt hat Petrenko zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder eine Oper von Mozart dirigiert.

Auch mit „La clemenza di Tito“ glückt ihm ein großer Abend. Jeder Takt wirkt bei ihm genau geprobt und durchdacht. Die Fülle von Details, die er zum Klingen bringt, ordnen sich bei ihm zu sprechenden Gesten, wie sich überhaupt bei ihm Mozarts Musik ganz aus der Bedeutung des Textes heraus zu entwickeln scheint. Petrenko wählt nicht durchweg, aber doch überwiegend langsame Tempi und entfaltet so die erlesene, späte Schönheit dieser so besonderen Partitur. Seine Orchestermusiker folgen ihm – das spürt man – ebenso gerne wie der bewundernswert homogene Chor, den Sören Eckhoff mit Umsicht und Genauigkeit einstudiert hat. Immer wieder setzt Petrenko aber auch kraftvolle, ja schneidende Akzente, wenn sie von der dramatischen Szene eben gefordert sind. Er hält dabei den ganzen Abend lang die Zügel straff in der Hand. Ein hochkonzentriertes, stets präsentes Dirigat, das aber vielleicht noch an Charme gewönne, wenn der Generalmusikdirektor seinen Musikern gelegentlich etwas mehr Freiheit ließe.

Leider stand dem Maestro nur eine Besetzung zur Verfügung, die längst nicht alle Wünsche erfüllte. Ja, die Nebenrollen waren mit Hanna-Elisabeth Müller (Servilla), Angela Brower (Annio) und Tareq Nazmi (Publio) sehr gut besetzt. Und Toby Spence, am Premierenabend noch schlimm indisponiert, war wieder so weit bei Stimme, dass er mit angenehm timbriertem Tenor den heiklen Part des Titus ordentlich, wenn auch keineswegs glanzvoll bewältigen konnte. Besonders den Koloraturen seiner großen Arie Nr. 20 „Se all impero“ fehlte es an Leichtigkeit und Kraft. Die Vitellia des Abends neigte von Beginn an zur Schärfe. Kristine Opolais muss außerdem arg forcieren, um die geforderte Tiefe zu erreichen, die Mozart in ihrem Rondo Nr. 23 „Non piu di fiori“ vorschreibt. Und Tara Erraught gelingen als Sesto zwar bewegend zarte und innige Momente, aber wenn es darum geht, die tiefe Aufgewühltheit dieser Figur zum Ausdruck zu bringen, so bleibt sie ihrer Rolle doch einiges schuldig. So glückten ihr zauberhafte Piano-Momente im Rondo Nr. 19, in dem Sesto seinen Freund bittet, sich noch einmal an den Augenblick der ersten Liebe ihrer Freudschaft zu erinnern („Deh per questo instante solo / Ti ricorda il primo amor.“) Aber für die Verzweiflung, für den tiefen Schmerz („Tanto affanno soffre un core“) scheint Erraughts Stimme noch ein wenig zu klein zu sein.

Freilich hatten die Sänger vor allem nach der Pause mit akustisch äußerst ungünstigen Bedingungen zu kämpfen. War das Bühnenbild Stéphan Laimés im ersten Akt noch geschlossen (die klassizistische Architektur des Nationaltheaters wurde gleichsam auf der Bühne fortgestzt), so war im 2. Akt auf nach oben und hinten völlig offener, nackter Bühne lediglich noch ein amphitheatral ansteigendes Gerüst zu sehen. Alles andere fiel offenbar dem Brandanschlag zum Opfer, mit welchem der 1. Akt schließt. Gelegentlich werden ein paar Videos (meist Sänger in Großaufnahme) eingespielt, die allerdings rein dekorativen Charakter haben und zur Deutung zur Geschichte nichts beitragen. Insgesamt wirkt Jan Bosses Regie kraftlos und unentschieden. Für die Charakterzeichung der Figuren, die es doch dank Mozarts Musik („opera seria“ hin oder her) zweifellos gibt, interessiert er sich kaum. Eine blasse Inszenierung. Aber kraftvolle Musik, die in schönsten Farben leuchtet. Und darum lohnt sich dieser Abend halt doch. Kirill Petrenko sei Dank!

München, am 15. Februar 2014

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Kraftlose Regie, leuchtende Musik

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