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Livekritik zu

Krabat

22.01.2014 - 15.03.2014 | Stuttgart / Staatstheater Stuttgart - Opernhaus
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cgohlke
am 29.01.2014

Die befreiende Macht der Liebe

„Krabat“ am Stuttgarter Ballett

Otfried Preußlers Jugendroman „Krabat“, der 1971 erschienen ist, wurde vielfach adaptiert. In Filmen, Hörspielen und Opern ist die Geschichte vom armen Müllerjungen, der in die Fänge der Magie gerät und schließlich durch eine Liebestat gerettet wird, bereits erzählt worden. Seit März 2013 gibt es „Krabat“ auch als Ballett. Demis Volpi hat es im Auftrag von Reid Anderson für das Stuttgarter Ballett kreiert und wurde noch am Premierenabend zum neuen Hauschoreographen ernannt.

Demis Volpi, in Argentinen geboren, kam im Jahr 2002 nach Stuttgart, absolvierte in der John Cranko Schule seine Ausbildung und wurde 2005 ins Corps de ballet der berühmten Kompanie aufgenommen. „Krabat“ ist nach manchen kleineren Arbeiten sein erstes abendfüllendes Handlungsballett, dessen Libretto er gemeinsam mit Vivien Arnold entwickelt hat. So sind drei kurze und kurzweilige, klar strukturierte, atmosphärisch dichte Akte entstanden, die sich eng an Preußlers Roman halten. Nur gelegentlich nimmt sich der Choreograph die Freiheit, ins Gefüge seiner Vorlage einzugreifen. Dass der furchteinflößende Herr Gevatter (Sonia Santiago), der jährlich kommt, um seinen Tribut einzufordern, bei ihm die Gestalt einer Frau im hautengem, rot schimmernden Kleid annimmt, bleibt dabei so ratselhaft wie seine Entscheidung, auch die Partie des Pumphutt mit einer Tänzerin (Angelina Zuccarini) zu besetzen. Vielleicht war es ihm um den Kontrast zu tun. Denn diesen mächtigen, zerstörerischen weiblichen Figuren stehen Worschule (Alicia Amatriain), die Freundin Tondas (virtuos von Nicholas Jones getanzt), und vor allem die Kontorka gegenüber. Demis Volpi zeigt in einer poetischen Szene, wie Krabat von diesem Mädchen während seiner stupiden Arbeit in der Mühle träumt. Da erscheint sie ihm in unwirklichem, phantastischem Licht (Bonnie Beecher), ist ganz präsent, aber doch nur eine körperlose Vision: Im großartig getanzten pas de deux berühren sich Robert Robinson (Krabat) und Elisa Badenes (Kantorka) nur beinahe. Zwischen ihnen bleibt stets ein kleiner, nicht zu überbrückender Abstand. Es gehört zu den eindringlichen Szenen des Abends, wenn diese zarte, zunächst fast unscheinbare Kantorka am Ende entschlossen und furchtlos auftritt, um mit dem Mut der Liebe Krabat aus seinem düsteren Mühlengefängnis zu befreien. Nur, wenn sie mit verbundenen Augen ihren Freund unter allen anderen Müllersburschen erkennt, wird er, der wie die anderen Gehilfen vom Meister in Raben verwandelt worden ist, erlöst. Scheitert sie, so wird sie sterben. Sie tritt dem bedrohlich wirkenden, ausdrucksstark tanzenden Meister (Matteo Crockard-Villa) entgegen, stellt sich der Aufgabe und erkennt Krabat schließlich an der Furcht, die er um ihr Leben hat. Sie birgt sich unter seinem gespreizten Flügel, legt ihre flache Hand an seine Wange, eine zarte Geste, die ihn sich strecken, gleichsam wachsen lässt – und nimmt dann Federkleid und Zauberkraft von ihm. Der Müller ist besiegt, die düstere Mühle zerstört. Eine der Wände aus Mehlsäcken, die Bühnenbildnerin Katharina Schlipf bis in den Bühnenhimmel sich hat türmen lassen, stürzt ein und öffnet den Gefangenen den Weg in die Freiheit. Es sind solche eindringlichen, klaren Bilder, die aus dieser Aufführung vor allem haften bleiben. Und es ist natürlich das großartige Ensamble des Stuttgarter Balletts, dessen Ausdruckskraft und technische Brillanz man an diesem Abend wieder einmal bewundern konnte, obgleich Demis Volpis Choreographie tänzerisches Können nie als Selbstzweck ausstellt. Es geht ihm vielmehr darum, eine glaubhafte, anrührende Geschichte zu erzählen. Das gelingt ihm, auch wenn seine Bewegungssprache die Emotionen der Figuren wohl nicht immer ganz auszuloten vermag. Etwas blass bleiben zum Beispiel der Wahnsinn Warschulas oder auch die erste Begegnung zwischen Krabat und der Kantorka. Aber Demis Volpi hat mit diesem großen Handlungsballett ein sicheres dramatisches Gespür bewiesen. Glücklich ist auch die Auswahl der Musik, die das Stuttgarter Staatsorchester unter der Leitung von Wolfgang Heinz darbot. Vasks, Glass, Penderecki und eigens von den Tonmeisters der Oper in einer Mühle aufgenommene Geräusche unterstreichen stimmig die jeweilige Atmosphäre der einzelnen Sequenzen. Ein Abend, der geraden Blicks von der Macht der Liebe erzählt und vielleicht gerade darum so anrührend ist, weil er sich nicht scheut, mit Otfried Preußlers Märchen ganz ungebrochen, ganz naiv, ganz ohne Ironie an ein gutes Ende zu glauben.

Stuttgart, am 21. Januar 2014

Christian Gohlke ist Kultur-Reporter für livekritik.de

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Ein Handlungsballett, das berührt

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Krabat, ©Stuttgarter Ballett
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