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Livekritik zu

Der Sommernachtstraum

28.02.2014 - 05.07.2014 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 20.12.2013

Ein junger Puck im alten „Sommernachtstraum“

John Neumeiers Ballett-Klassiker ist wieder in München zu sehen

 

Premiere feierte John Neumeiers „Sommernachtstraum“ im Juli 1977 in Hamburg. Zuschauer und Kritiker waren gleichermaßen begeistert. Sogar die Bild-Zeitung vergab damals sechs von möglichen fünf Punkten. Auch heute noch, mehr als 35 Jahre nach der Premiere, erfreut sich dieser Klassiker des abendfüllenden Handlungsballetts beim Publikum größter Beliebtheit, und zwar nicht nur in Hamburg, wo die Produktion seit der Uraufführung immer wieder gespielt wird, sondern auch in München, wo Neumeiers Schöpfung 1993 ins Repertoire übernommen und bis 2003 insgesamt sechsundsechzig Mal gezeigt wurde. Nach einer zehnjährigen Pause ist der „Sommernachtstraum“ nun wieder im Nationaltheater zu sehen.

Neumeier hat sein Werk im Herbst diesen Jahres selbst neu einstudiert. Es ist nach dieser Erfrischungskur wieder so herrlich wie am ersten Tag. Wie er zusammen mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose die drei Handlungsstränge einerseits klar voneinander abzugrenzen versteht, sie aber andererseits immer wieder kunstvoll miteinander verflicht, verdient höchste Bewunderung. Da ist einmal die höfische Sphäre. In biedermeierlich anmutenden, farblich fein aufeinander abgestimmten Kostümen wird zu Felix Mendelssohn Bartholdys „Sommernachtstraum“-Musik die Handlung zwischen Theseus und Hippolyta, Helena und Demetrius, Lysander und Hermia mit einem Bewegungsvokabular erzählt, das sich noch am ehesten an den Konventionen des klassischen Balletts orientiert, von Neumeier aber immer wieder expressiv aufgebrochen wird. So schafft er es, die drei Paare, die so entsetzlich in Verwirrung geraten, je ganz eigen zu charakterisieren. Schroff steht dieser eleganten Welt die derbe Komik der Handwerker-Szenen gegenüber. Drehorgelmusik begleitet ihre Aufführung von „Pyramus und Thisbe“, die anlässlich der Dreifachhochzeit dargeboten wird, die das Stück nach Art einer Komödie versöhnlich beschließt. Zuvor allerdings gerät die Welt aus den Fugen. Und dafür ist Puck verantwortlich, der Diener Oberons, des Elfenkönigs. György Ligetis Musik hat Neumeier für die Sphäre der Elfen verwendet, deren Bewegungen mehr an wabernde Pflanzen oder staksende Tiere als an Menschen erinnern. Soviel Verwirrung und Schmerz Puck durch seine Unbeholfenheit im Umgang mit der Zauberblume verursacht, die jeden, der mit ihrem Saft beträufelt wird, denjenigen lieben lässt, den er nach seinem Erwachen als ersten erblickt, soviel Unglück dieser Puck also auf der Bühne anrichtet, soviel Heiterkeit und Begeisterung löst er im Zuschauerraum aus. Shawn Throop, der diese Rolle zum ersten Mal tanzt, hat nicht nur über die Figuren im Stück magische Gewalt, – auch das Publikum im dunklen Theatersaal schlägt er in seinen Bann.

Eine so große Partie einem so jungen, noch verhältnismäßig unerfahrenen Tänzer anzuvertrauen, ist sicher eine ungewöhnliche, auch gewagte Entscheidung. Erst in der letzten Spielzeit wurde Shwan Throop, der jetzt 22 Jahre alt ist, zum Gruppentänzer ernannt, nachdem er zuvor zwei Jahre lang als Volontär in der Junior Company des Staatsballetts getanzt hatte. Dabei bezeichnet er es selbst als einen glücklichen Zufall („a happy accident“), überhaupt Tänzer geworden zu sein. Er habe, so erzählt er nach der Aufführung bei einem Interview, als Kind einen unbändigen Bewegungsdrang gehabt. Seine Mutter wollte diesem Energiebündel von Sohn die Möglichkeit geben, sich zu verausgaben und hat ihn darum in eine Gymnastik-Klasse seiner kanadischen Heimatstadt New Brunswick geschickt. Dort kam er zum ersten Mal mit Ballett in Berührung. Zum Profitänzer ausgebildet wurde er dann an der National Ballet School zu Toronto. Ernsthaft darüber nachgedacht, etwas anderes als Tänzer zu werden, hat er nie. Aber er hält es für wichtig, nebem dem Ballett etwas zu haben, das ihm Spaß macht. Als „wannabe iOS developer“ bezeichnet er sich selbst, weil er in seiner Freizeit gerne Apps für smartphones programmiert. Nein, eine Ballett-App werde er bestimmt nicht entwickeln. Er wolle ja gerade etwas machen, das mit Tanz gar nichts zu tun hat. Dass Künstler irgendwie besondere Menschen sind, die sich von allen anderen unterscheiden, glaubt er nicht. Im Gespräch ist der mittelgroße, eher zierlich wirkende Tänzer selbst jedenfalls frei von jeder Künstlerpose. Freundlich, auch mit Witz beantwortet er alle Fragen, schaut manchmal, bevor er etwas sagt, mit wachem Blick bei schräg geneigtem Kopf in die Ferne und begleitet seine Ausführungen dann mit einem lebendigen Gestenspiel. „We all are good in something, right?“ Er sei gut im Tanzen, andere seien gut auf anderen Gebieten. Sicher, dieser Beruf erfordere viel, sei manchmal auch mit Schmerzen verbunden, aber man lerne mit der Zeit den Unterschied zwischen einem gefährlichen Schmerz und einem Schmerz, den man, um besser zu werden, überwinden müsse. Ohne Scheu oder Eitelkeit erzählt er davon, wie er nach den ersten Probentagen für den „Sommernachtstraum“ kaum mehr habe gehen können, so kraftzehrend sei Neumeiers Choreographie. Aber jetzt sei er in der Lage, Dinge zu tun, die vorher noch ganz unmöglich gewesen wären. Der Puck ist allerdings nicht nur technisch eine herausfordernde Rolle. Diese Partie verlangt auch nach einer besonderen Darstellung. Möglichst menschen-unähnlich soll er in seinen Bewegungen sein. Für dieses elbische, naturhafte Wesen findet Shawn Throop auf der Bühne einen bezwingenden Ausdruck. Manchmal scheint er in der Luft geradezu zu schwimmen, dann wieder legt er größere Strecken in Pirouetten zurück, rekelt sich kopfunter in einem Baum, um den Handwerkern bei ihrer tölpelhaften Probe zuzusehen, oder verlässt mit weiten, eleganten Sprüngen die Bühne. Bewegt er sich doch einmal wie ein Mensch, dann nur, wenn er die Menschen nachahmt, denen er im Wald von Athen begegnet. Das sei für Puck etwas Neues, und alles Neue fasziniere diesen Kobold, der die Langeweile hasse. Shawn Throop beschreibt diesen Charakter als eine gefährliche Mischung aus Naivität und Klugheit. Er möge es, etwas anzustellen, etwas in Bewegung zu bringen, mache sich aber über die Folgen seiner Taten kaum Gedanken. Für den Tänzer ist diese Rolle auch darum besonders reizvoll, weil sie ihm viele Möglichkeiten zu eigener Gestaltung lässt. Neumeier hat in seiner Choreographie nämlich keineswegs jeden Schritt präzise festgelegt. Manchmal sind nur Eckpunkte notiert, so dass es dem Darsteller überlassen bleibt, wie er auf der Bühne von einem Punkt zum andern kommt. Dann darf er improvisieren, Abläufe immer wieder neu gestalten und sich ganz der Lust an der Bewegung hingeben. Diese Lust teilt sich den Zuschauern mit. Es macht einfach Spaß, Shawn Throop tanzen zu sehen. Münchens neuer Puck weiß zu bezaubern.

München, am 14. Dezember 2013

Christian Gohlke

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Ein Klassiker des Handlungsballetts, zurück auf der Bühne des Nationaltheaters

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Shawn Throop als Puck in John Neumeiers "Sommernachtstraum"
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