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Livekritik zu

Der Rosenkavalier

02.03.2014 - 29.07.2014 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 03.03.2014

„Die Musi geht ins Blut“

Richard Strauss‘ „Rosenkavalier“ an der Bayerischen Staatsoper

 

Premiere war am 20. April 1972. Seither steht „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss in der Inszenierung von Otto Schenk auf dem Spielplan der Bayerischen Staatsoper. Zwar sollte diese geradezu legendäre Produktion vor ein paar Jahren durch eine längst geplante Neuinszenierung ersetzt werden, aber aufgrund der angespannten Finanzlage entschied sich die Intendanz gottlob für eine Neueinstudierung, und so kann man sich auch heute noch, fast 42 Jahre nach der Premiere, an diesem „Rosenkavalier“ erfreuen. Die aufwendigen Bühnenbilder und die kunstvoll gearbeiteten Kostüme Jürgen Roses haben nichts von ihrer Schönheit verloren. Wie genau sind etwa die Kostüme dem sozialen Stand der Figuren angepasst, und wie fein sind Formen und Farben aufeinander abgestimmt! Nach wie vor beeindruckt auch das prächtige Bühnenbild. Szenenapplaus gibt’s noch immer, wenn der Vorhang zum 2. Akt sich öffnet und die etwas protzige Üppigkeit des Faninalschen Stadtpalais freigibt.

Etwas Besonderes ist die Serie dieser Wiederaufnahme aber vor allem, weil Kirill Petrenko am Pult des Bayerischen Staatsorchesters steht. Musste man in den letzten Jahren nur allzu oft allzu schlampige Dirigate über sich ergeben lassen, so kann man jetzt einen „Rosenkavalier“ hören, der wie frisch gewaschen und poliert wirkt. Dank einer präzisen Arbeit auch an kleinen Gesten legt Petrenko eine unerhörte Fülle an Details frei. Besonders die Holzbläserstimmen treten bei ihm klar hervor und bekommen so ein ganz eigenes Gewicht. Klang der erste Akt bisweilen noch etwas zu gewollt und kontrolliert, so glückten die beiden folgenden Aufzüge umso schöner. Petrenko schöpft die dynamische Skala voll aus und gestaltet die intimen, zarten Momente der Partitur so überzeugend wie die auftrumpfenden Passagen, die ja vor allem Baron Ochs von Lerchenau vorbehalten sind. Peter Rose gibt ihn, manchmal mit etwas rauher, aber tragender und tiefensicherer Stimme, überzeugend als täppischen, stets auf seinen Vorteil bedachten Lebemann. Donnernd gelingen ihm seine Zornausbrüche im 2. Akt, wenn er sich ausmalt, was er mit Octavian, der ihn gerade mit dem Degen am Arm verwundet hat, alles antellt: „Tät dich kuranzen. Solltest alle Engel singen hören!“ Doch nach ein paar „Schluck von was zu trinken“ verfliegt der Groll, und Ochs singt sich in eine walzerselige Wohllaune hinein, und das „Leiblied“ des Herrn Baron „Mit dir keine Nacht mir zu lang“ klingt unter Petrenkos Leitung unwiderstehlich charmant. Die Tempi sind bei ihm fast durchweg flüssig, ja flott. Das passt gut zum Konversationston, der die Oper über weite Strecken bestimmt. Gelegentlich jedoch hält er inne und verleiht so manchen Momenten besonderes Gewicht. Hat man zum Beispiel je die abwärtsführende, vom Pizzikato der Bässe akzentuierte Bewegung der Streicher zu Octavians „Wie Sie befiehlt, Bichette“ am Ende des 1. Aktes als einen so bedeutungsvollen, schmerzhaften Moment wahrgenommen? Alice Coote spielt diesen jungen Herrn aus großem Hause überzeugend. Ihre kraftvolle Stimme bewältigt die anspruchsvolle Partie sehr gut. Auch den emotionalen Aufschwüngen im Dialog mit der Marschallin ist sie gewachsen: „Weiß nur, daß ich dich liebhab“. Alice Cooper versteht es, Innigkeit und Feuer in ihre Worte zu legen. Anrührend zart, mit warmem Timbre wehrt die Marschallin der Soile Isokoski die Zärtlichkeiten des jungen Geliebten ab. Ihr gelingen die melancholischen Momente am Ende des 1. Aktes eindringlich und nuancenreich. Das Neckische, auch Übermütige des Beginns liegt ihr weniger. Fast schien es, als müsse die Sängerin sich (noch) zu sehr auf Petrenkos Anweisungen konzentrieren, als dass ein freies Spiel hätte entstehen können. Aber die große Dame glaubt man ihr dann wieder, wenn sie am Ende Octavian freigibt, weil sie sich gelobt hat, „ihn lieb zu haben in der richtigen Weis.“ Und so bekommt der Junge schließlich seine Sophie, die Mojca Erdmann mit heller, anfangs etwas zur Schärfe neigender, nicht allzu großen Stimme ganz als das „Dutzendmädel“ spielt, als das Hofmannsthal sie angelegt hat. Im Schlussterzett, das Petrenko wiederum langsam aus einer großen Ruhe heraus entwickelt, weiß sie sich stimmlich aber zu behaupten. Schließlich erscheint ihr von der Marschallin inzwischen getrösteter Herr Papa, der Edle von Faninal, den Martin Gantner wunderbar gockelhaft darstellt, gibt der neuen Bindung seinen Segen und geleitet die Fürstin zum Wagen. Es ist ein besonders anrührender Moment dieser Inszenierung, wenn die Marschallin noch einen Moment lang innehält und Octavian, der ihr einige Schritte gefolgt ist, versöhnlich die Hand zum Abschiedskuss reicht. Das Orchester betört mit der ganzen schweren, letzten Süße dieser Musik, die man so fein, so detailreich und kraftvoll nur selten zu hören bekommt wie jetzt unter Kirill Petrenko in München. Das Publikum dankt mit langem, starkem Beifall.

München, am 2. März 2014

 

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Immer wieder schön - Otto Schenks "Rosenkavalier" in München

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