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Livekritik zu

Der Nussknacker

26.12.2013 - 09.02.2014 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 06.01.2014

John Neumeiers „Nußknacker“ in München

 

Wer die Gelegenheit wahrnahm, im Fernsehen die vielen „Nußknacker“-Aufführungen anzusehen, die während der Weihnachtstage gesendet wurden, und nun glaubt, dieses Ballett zu kennen, wird von John Neumeiers Fassung, die 1971 in Frankfurt Premiere hatte und seit 1973 auch an der Münchner Staatsoper zu sehen ist, überrascht sein. Neumeier erzählt die auf E.T.A. Hoffmann zurückgehende Geschichte von 1816 auf ganz eigene Art, ja man könnte sagen, dass sein Ballett mit Hoffmanns Text nur noch wenig zu tun hat, denn sich bekriegende Truppen, Limonadenströme und Mandelmilchseen gibt es bei ihm keine. Man kann aber auch der Auffassung sein, dass Neumeier „die über Jahrzehnte vergorenen Schalen der Handlungs-Zwiebel“ so lange häutete, „bis deren Innerstes zutage lag“, wie es im Programmbuch der Aufführung heißt.

Im Zentrum steht bei ihm die Geschichte Maries, eines Mädchens, das sich heimlich in Günther, den Freund ihres Bruders, verliebt und das gerne so sein möchte wie ihre Schwester Louise, die eine Ballerina ist. Zu ihrem zwölften Geburtstag bekommt Marie von Drosselmeier, dem Ballettmeister der bewunderten Schwester, ein Paar Spitzenschuhe geschenkt. Aber ihre Versuche, so elegant wie sie zu tanzen, glücken erst im Reich des Traumes, in das Drosselmeier sie entführt und in dem sie mehr und mehr nicht nur zu einer echten Ballerina, sondern auch zur Frau heranreift. Doch am Ende verwandelt sich das traumhafte Barocktheater, in dem sie erst Zuschauerin, dann Tänzerin ist, wieder ins biedermeierliche Wohnzimmer ihrer Kindheit.

Jürgen Rose hat für diese beiden so unterschiedlichen Welten je ganz eigene Ausstattungen und Kostüme entworfen. Es ist einer der großen Momente dieser Inszenierung, wenn sich im 2. Bild die Alltagswelt Maries auflöst und einem Probenraum Platz macht, der durch eine seitlich positionierte Leiter, ein paar Requisten und eine Ballettstange angedeutet wird. Später entsteht dann vor den Augen des Zuschauers im leeren Raum eine perspektivisch gestaffelte, reich bemalte Barockbühne. Drosselmeier, den Cyril Pierre souverän als etwas verschrobenen, in seiner Erscheinung an Marius Petipa erinnernden Ballettmeister darstellt, ist es, der der staunenden Marie die unwirklich-schöne Welt des Balletts eröffnet. Die gar nicht wenigen Divertissements, die er ihr (und dem Publikum) zeigt, werden vom Bayerischen Staatsballett derart virtuos getanzt, dass sie immer wieder aufs neue erfreuen und nie ermüdend wirken. Besonders Marlon Dino und Lucia Lacarra, die beide im ersten Teil als Günther und Louise zu sehen sind und jetzt als ideales Ballett-Paar wiederkehren, beeindrucken nicht nur durch ihre sichere Technik, sondern auch mit geschmeidiger Eleganz. Und Ilana Werner verkörpert eine zarte, glaubhaft mädchenhafte Marie, die mit Neugierde, kindlicher Scheu, aber auch mit Übermut eine Welt erkundet, zu der sie gehören möchte. Neumeier erzählt ihre Geschichte so poetisch wie augenzwinkernd, so anrührend wie komisch.

Dass diese 145. Aufführung von John Neumeiers Ballett ein so großer Erfolg in München ist, lag indes nicht nur am phantasievollen Bühnenbild, den herrlichen Kostümen und der großartigen tänzerischen Leistung des ganzen Ensembles, sondern auch an Aivo Välja, der das lustvoll und klangschön musizierende Staatsorchester souverän leitete. Von öder Routine oder Langeweile war nichts zu bemerken. Im Gegenteil. Einen so schön gespielten, einen so gut getanzten „Nußknacker“ gibt es nicht allzu häufig zu sehen. Auch nicht zur Weihnachtszeit.

München, 30. Dezember 2013

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