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Livekritik zu

Der gelbe Klang / Uraufführungen

04.04.2014 - 19.05.2015 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 09.04.2014

So klingt gelb?

Die Eröffnung der Ballett-Festwoche an der Bayerischen Staatsoper

 

Drei ganz unterschiedliche Choreographien waren am Freitag im Münchner Nationaltheater zur Eröffnung der diesjährigen Ballett-Festwoche zu sehen. Der Abend trägt den Titel „Der gelbe Klang“ und spielt damit auf einen Text Wassily Kandinskys an, der im Jahr 1912 im Almanach der Künstlergruppe „Der blaue Reiter“ erschien. Direkten Bezug dazu hat indes nur der erste Teil der Premiere. Um Uraufführungen handelte es sich aber  bei allen drei gezeigten Werken gleichermaßen.

Im Vorwort zu seiner Bühnenkomposition beschreibt Kandinsky, welche Wirkung er mit seinem Stück „Der Gelbe Klang“ erzielen möchte: „Seelenvibrationen“ will er bei den Zuschauern auslösen, indem synästhetisch Musik, Bewegung, Form und Farbe miteinander verschmolzen werden. Michael Simons war in München für die szenische Umsetzung von Kandinskys Kreation verantwortlich, die zu Lebzeiten des Künstlers nie aufgeführt wurde. Von einer „inneren Notwenigkeit“, der nach Kandinskys Wunsch auf der Bühne alles unterworfen sein soll, war bei Michael Simon leider nichts zu spüren. Dabei begann der Abend durchaus vielversprechend. Vor einem schwarzen Vorhang schleppten die Tänzer verschiedene Requisiten über die Bühne: Stühle, Leitern, übergroße gelbe Körperteile. Dann öffnete sich der Vorhang und gab den Blick auf die Bühne frei, die eine Art von Atelier darstellte. Nur war dieses Atelier nicht eine Werkstatt lustvoller Kreativität, sondern ein Ort gähnender Langeweile. Was Simon auf die Bühne brachte, wirkte zufällig und banal. Mal ging ein Kind mit Riesenkopf (wie bei Kandinsky) über die Bühne und murmelte geheimnisvolle Sätze ins Mikrofon, mal schoben sich farbige Wolken ineinander, dann gab es eine Videoprojektion, dann erschien ein gelbes Gliedermännchen. Keiner dieser Einfälle hat suggestive Kraft, keiner regt zum Weiterdenken an, nichts berührt sinnlich oder intellektuell. Von sinnlicher, gar synästhetischer Überwältigung kann bei diesem „Gelben Klang“ keine Rede sein. Da half es auch nichts, dass das Bayerische Staatsorchester unter Myron Romanul satte, warme, wabernde Klänge von Frank Zappa beisteuerte.

Ganz anders dann das zweite Stück des Abends. Russell Maliphants etwa halbstündige Arbeit war spannend von der ersten bis zur letzten Minute. Seine Choreographie „Spiral Pass“ ist dicht und beruht auf solidem Handwerk. Mukul, der immer wieder mit Maliphant zusammenarbeitet, hat dafür eine elektronische Percussion-Musik geschrieben, die bisweilen an Gewehrsalven erinnert, die aber rythmisch und dynamisch immer wieder unterschiedlich sind. Maliphant greift in seiner Choreographie auf klassische Formen zurück. So beginnt „Spiral Pass“ mit einem fließen getanzten Pas de deux von Lucia Lacarra und Marlon Dino. Aber die Tanzsprache wird durch moderne, breakdanceartige Elemente aufgebrochen und erweitert. Kreiselbewegungen, oft in rasantem Tempo ausgeführt, spielen dabei eine große Rolle; der Titel des Stücks ist nicht zufällig gewählt. Zum Reiz der Aufführung trägt die gekonnt eingesetzte Beleuchtung von Michael Hulls entschieden bei.

Mason Bates, 1977 in den USA geboren, lieferte die Musik für den dritten und letzten Teil des Abends, der so heißt wie Bates Komposition: „Konzert für Violine und Orchester“. Bates Werk, das ein wenig an minimal music erinnert, war beim Staatsorchester in guten Händen. Vor allem David Schultheiß überzeugte als Solo-Geiger. Auch das Bühnenbild, das Burke Brown gemeinsam mit der Choreographin Aszure Bates entworfen hat, ist schlicht und überzeugend: Weiße Punkte sind auf einem mal schwarzen, später auch roten oder blauen Hintergrund leicht hingestreut, vielleicht wie Sterne am Nachthimmel. Barton versteht es, den Bühnenraum mit den weiß gekleidenten acht Tänzern zu nutzen. Ihre Tanzsprache ist vielfältig: klassische Pirouetten oder Fouettés, die leider nicht immer ganz präzise ausgeführt wurden, wechseln mit moderneren Elementen. Bartons Arbeit ist gut gemacht und schön anzusehen. Besonders spannend oder bewegend ist sie nicht. Vielleicht fehlt es ihr ein wenig an dem, was Kandinsky „innere Notwendigkeit“ nannte.

München, 4. April 2014

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