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Livekritik zu

Boris Godunow

13.02.2013 - 31.03.2014 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 25.03.2014

Macht und Untergang des Zaren

Mussorgskys „Boris Godunow“ in München

 

Ein Raunen ging durch den Saal, als einer aus der Masse des zum Jubeln gezwungenen Chores ein Plakat in die Höhe hielt, auf dem Wladimir Putin zu sehen war. Ja, die Vorgänge auf der Krim verhelfen Calixto Bieitos Inszenierung des „Boris Godunow“ zu unguter Aktualität. Im Februar letzten Jahres hatte seine bedrückend dunkle Regie Premiere in München. Gespielt wird die erste Fassung der Oper von 1868/69 des auf Puschkin zurückgehenden Dramas um Boris Godunow, der sein Zarenamt blutigen Machenschaften verdankt und trotz guter Vorsätze ein glückloser Herrscher wird. Die Macht, sie wohnt in einem dunklen, unzugänglichen schwarzen Kasten, der anfangs verschlossen auf der sonst nackten Bühne (Rebecca Ringst) steht. Das Volk, also der von Sören Eckhoff exzellent einstudierte Chor der Staatsoper, das bei Bieito schäbige Alltagskleidung trägt, die aus dem heutigen Russland kommen könnte (Kostüme: Ingo Krüger), wird von einer stets gewaltbereiten Staatsmacht in Schach gehalten. Manipuliert vom Geheimschreiber der Duma (herausragend: Markus Eiche als Schtschelkalow), jubelt die Masse dem Herrscher zu. Kirill Petrenko, der das wunderbar satt klingende, dabei aber immer differenziert agierende Staatsorchester mit gewohnter Umsicht und Präzision leitet, gelingt es, das Schrille, Überzeichnete, eben Gezwungene dieses Jubels am Ende des 2. Bildes hörbar zu machen. Eine unter die Haut gehende Szene. Aber auch das folgende Gespräch Pimens und Grigorijs gelingt spannungsreich. Das ist vor allem Ain Anger zu danken, der mit kraftvoller, herrlich timbrierter Bass-Stimme einen durchaus zu starken Affekten neigenden Pimen gibt, dem mit Dmytro Popov ein nicht minder überzeugender, jugendlich wirkender Tenor gegenübersteht. Insgesamt wird an diesem Abend auf durchweg hohen Niveau gesungen. Auch Nebenrollen wie die der Obdachlosen Missail (Ulrich Reß) und Waraam (Vladimir Matorin) sind hervorragend besetzt. Anatoli Kotscherga endlich gibt überzeugend mit markantem (wenn auch nicht immer ganz sauber intonierendem) Bass einen tief verunsicherten Boris, dem mehr und mehr die Angst vor dem getöteten Zarewitsch zusetzt und der am Ende den Verstand zu verlieren droht. Eine eindringliche, dunkle, hervorragend musizierte Aufführung, deren Besuch auch ohne Krim-Krise lohnte.

München, 20. März 2014

Besucherfazit

Ein bedrückend dunkler, hervorragend musizierter Abend

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