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Livekritik zu

4. Abo S: Yannick Nézet-Séguin | Hélène Grimaud

22.06.2014 | München / Philharmonie im Gasteig
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cgohlke
am 25.06.2014

Ein weites Feld

Symphonisches, Solistisches, Kammermusikalisches – ein Orchester, zwei Konzerte

So schöne Konzerte bekommt man nicht alle Tage zu hören, nicht einmal in München und nicht einmal vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Die Matinee, die Yannick Nézet-Séguin am Sonntag in der Philharmonie dirigierte, war so frisch und lebendig wie das Kammerkonzert, das am Montag in der Allerheiligen-Hofkirche gegeben wurde.

Schon Smetanas Moldau (also „Vltava“ Nr. 2 aus dem Zyklus seiner sechs Symphonischen Dichtungen „Má vlast“) ließ erkennen, wie wunderbar das herrlich aufblühende Orchester dem Dirigeten folgte. Jede noch so kleine Regung, jeder Wink wurde aufgenommen, so dass die Musik so organisch und mitreißend dahinfloss wie die Moldau, die Smetana zu seiner symphonischen Dichtung inspirierte.

Ähnlich differenziert geriet die Interpretation von Schumanns 3. Symphonie in Es-Dur, op 97. Nézet-Séguin gestaltete hier klar die ganz eigenen Stimmungen der einzelnen Sätze. Herrlich kraftvolle Hörner verliehen dem Scherzo Größe, leicht und geschmeidig, fließend bei fein modellierten Akzenten erklang der 3. Satz, ehe die Symphonie getragen und feierlich ausklang. Bewundernswert ist dabei besonders der dunkle, geschmeidige Klang und die tadellose Harmonie der Instrumentengruppen.

Dass dieses Orchester über großartige Soliste in seinen Reihen verfügt, konnte man auch beim zweiten Programmpunkt des Konzertes, dem G-Dur Klavierkonzert Ravels, erleben, das im langsamen Satz den Holzbläsern reiche Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Das Augenmerk liegt hier aber natürlich vor allem auf dem Klavierpart, den Hélène Grimaud spielte. Es war eine Freude zu beobachten, wie die Pianisten nicht nur mit dem Dirigenten in stetem, gewissermaßen intimem Austausch stand, sondern auch mit den Orchestermusikern zusammenspielte. Das war nicht Dienst nach Vorschrift, sondern lustvolles, engagiertes Musizieren, mal zart und fast am Rande der Hörbarkeit (wann je endet das Adagio in einem derart feinen Klanggespinst wie hier?), mal kraftvoll und musikantisch wie im Kopfsatz, der hörbar machte, dass Ravel Jazz- und Blues-Elemente in sein Konzert mit aufnahm.

Von den solistischen Qualitäten mancher Musik konnte man sich tags darauf noch einmal bei einem Kammerkonzert überzeugen. Die Allerheiligen-Hofkirche war in ihrer strengen Nüchternheit dafür genau der richtige Rahmen. Zunächst spielte Gil Shaham, der in diesem Jahr Artist in Residence des Symphonieorchesters ist, Bachs Violin-Sonate Nr. 3 in C-Dur BWV 1005. Ein heller Ton mit wohl dosiertem, eher sparsam eingesetztem Vibrato kennzeichnete das Largo, technische Brillanz zeigte sich, ohne je Selbstzweck zu sein, im wieselflink gespielten Allegro assai. Leicht und tänzerisch nahm der Künstler die Partita in E-Dur, BWV 1006. Hier wurde spürbar, dass Bach von französischer Ballett-Musik inspiriert war. Besonders zart und geschmackvoll glückte die Gavotte. Nach der Pause gesellten sich Radoslaw Szulc, Wen Xiao Zheng, Sebastian Klinger und Christopher Corbett zu Gil Shadam, um Brahms Klarinettenquintett in h-Moll, op 115 zu spielen. Keiner der Künstler drängte sich in den Vordergrund; es war ein ausgewogenes, fein aufeinander abgestimmtes Musizieren. Den warmen, kantablen, stets noblem Ton der Klarinette konnte man vor allem im Adagio bewundern. Ein Publikum, das mucksmäuschenstill, ja andächtig zugehört hatte, dankte für einen wohltuend ernsthaften, konzentrierten Abend mit herzlichem Applaus.

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