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Livekritik zu

Ein Sommernachtstraum

07.07.2013 | Wiesbaden / Staatstheater Wiesbaden - Großes Haus
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cgohlke
am 13.06.2017

Allzu prosaisch

Tim Plegges „Sommernachtstraum“ mit dem Staatsballett Wiesbaden

 

Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“, die vermutlich um das Jahr 1595 entstanden ist, gehört zu den Stoffen, die immer wieder adaptiert worden sind – nicht zuletzt von Choreographen: George Balanchins „A midsummer night’s dream“, 1962 uraufgeführt vom New York City Ballet, und John Neumeiers „Ein Sommernachtstraum” (1973) sind dafür nur die berühmtesten Beispiele.

Der wohl jüngste Versuch, sich tänzerisch Shakespeares Theaterstück zu nähern, stammt von Tim Plegge. Er leitet seit ein paar Jahren das noch junge Ballett-Ensemble des Wiesbadender Staatstheaters, wo seine Choreographie im Februar dieses Jahres Premiere feierte.

Die große Herausforderung bei einer Umsetzung dieser vielschichtigen und tiefgründigen literarischen Vorlage besteht darin, für die von Shakespeare komplex ineinander verschlungenen Handlungsstränge je eigene Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. Die Welt der Liebenden, die Sphäre der Elfen und die Ebene der Handwerker will auf verschiedene Art und Weise realisiert werden. John Neumeier ist dies auch deshalb auf so meisterhafte Weise gelungen, weil er jede Ebene durch andere Musik charakterisierte. Tim Plegge, der in Hamburg Schüler Neumeiers gewesen ist, folgt seinem Lehrer darin: Auch bei ihm wird Mendelssohns klassische „Sommernachtstraum“-Musik mit moderner Musik kontrastiert, hier mit Werken von Dimitri Schostakowitsch, Bernd Alois Zimmermann oder John Adams, gespielt vom nicht immer ganz sicher intonierenden und auch nicht immer ganz ganz homogen klingenden Wiesbadener Staatsorchester unter der Leitung von Benjamin Schneider.

Leider reicht das Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten, über das der junge Choreograph verfügt, nicht aus, um die einzelnen Stränge hinreichend zu charakterisieren oder um differenzierte Figuren zu entwerfen. Am besten gelingt die Umsetzung der Liebeswirren um Lysander (Denislav Kanev), Helena (Clémentine Herveux), Hermina (Lara Misó Peinado) und Demetrius (Tatsuki Kadada). Anziehung und Ablehnung, Liebesglück und Liebespein, Eitelkeit und Unterwerfung – dafür findet Plegge immer wieder überraschende tänzerische Formen. Doch so kreativ und überzeugend diese Passagen glücken, so unbefriedigend ist die Gestaltung der Elfen-Szenen um Oberon (Ramon John), Titania (Margaret Howard) und Puck (Massayoshi Katori). Da Plegge hier auch auf traditionelle Ballett-Elemente wie Hebefiguren oder Spitzentanz zurückgreift, werden überdies die technischen Grenzen des Ensembles sichtbar, das im modernen Tanz weit eher überzeugt als im klassischen Stil. Enttäuschend gerät die Darstellung der Handwerker. Sie erscheinen hier als Bediente am Hofe des Egeues. Zur Hochzeit spielen sie nicht, wie bei Shakespeare eigentlich vorgesehen, die Geschichte von Pyramus und Thisbe. Stattdessen rekonstruiren sie mit Handpuppen die Geschichten der beiden Liebespaare. So gerät der zweite Teil des Abends arg prosaisch. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die nüchternen Alltagskostüme, in die Judith Adam die Liebenden kleidet, und durch das graue Bühnenbild Frank Philipp Schlößmanns, das jeden Gedanken an nächtlichen Zauber traurig konsequent meidet. Kurzum: Diesem Abend gebricht es an Schönheit, Witz und Tiefe. Tim Plegge ist der Komplexität der literarsichen Vorlage nicht gerecht geworden. Er hat sich übernommen.

Wiesbaden, am 7. Juni 2017

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