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Livekritik zu

Salzburger Festspiele 2015

18.07.2015 - 30.08.2015 | Salzburg / Salzburger Festspiele
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cgohlke
am 04.08.2015

In der Puppenstube

Mozarts „Le Nozze di Figaro“ bei den Salzburger Festspielen

 

Mit der Inszenierung von Mozarts „Le Nozze di Figaro“ schloss Sven-Eric Bechtolf in diesem Jahr den Zyklus der Da Ponte-Opern ab. 2016 werden dann alle drei bei den Festspielen in Salzburg zu sehen sein. Die Vorfreude darauf hält sich freilich in Grenzen. So recht glücklich war das Projekt nämlich von Anfang an nicht. Franz Welser-Möst, der eigentlich hätte dirigieren sollen, sagte wegen zu kurzer Proben- und Rekreationszeiten ab. Christoph Eschenbach sprang für ihn ein und wurde von der Kritik für sein Mozartdirigat ebenso heftig gescholten wie Bechtolf für seine Inszenierungen. Auch nach der Premiere des „Figaro“ am 28. Juli im Haus für Mozart hagelte es Verrisse – und zwar für Dan Ettinger, den Dirigenten, ebenso wie für den Regisseur. Leider kann man den Kritiker-Kollegen kaum widersprechen.

Dan Ettinger, der den „Figaro“ schon etliche Male auch an der Bayerischen Staatsoper dirigiert hat, ist eine arge Enttäuschung. Ungenau, ein wenig gschlampert (wie man in Salzburg vielleicht sagen würde) war sein Dirigat auch in München (livekritik berichtete). Aber es gab dort immer wieder atmosphärisch dichte Momente und stimmige, atmende Tempi. In Salzburg ist davon nur die Schludrigkeit geblieben. Der Musik fehlt es an Schwung und Zielstrebigkeit. Kaum ein Ensemble ist auf den Punkt genau zusammen. Dauernd gibt es wacklige Stellen, so dass man sich fragt, was Dan Ettinger in all der Probenzeit, die er in Salzburg doch bei einer so wichtigen Premiere hatte, eigentlich mit den Wiener Philharmonikern gemacht hat. Deren Spiel wirkt völlig uninspiriert. Jeden Moment befürchtet man, dass unten im Graben ein Philharmoniker vor Langeweile einschläft und vom Hocker kippt. Dan Ettingers Dirigat ist das zentrarle Problem der Auffühung, - die unter anderer musikalischer Leitung vielleicht ganz hübsch und amüsant werden können.

Sven-Eric Bechtolfs Ansatz, den „Figaro“ als eine Komödie zu inszenieren, ist an und für sich ja gut – denn der „Figaro“ ist eine Komödie, wenn auch freilich eine mit Abgründen. Und davon will der Regisseur zu wenig wissen. Zwar ist seine Personenführung solide gearbeitet, und es gibt manchen netten Einfall, insgesamt wirken die Figuren aber doch zu wenig konturiert. Das hängt auch mit der Idee zusammen, neben der Haupthandlung Szenen zu zeigen, die sich normalerweise für den Zuschauer unsichtbar hinter der Bühne abspielen. Alex Eales hat dafür eine Art von Puppenstuben-Schloss gebaut, das der Zuschauer im Querschnitt sieht. So befindet sich im ersten Akt beispielsweise Susannas und Figaros neues Zimmer in der Mitte des Erdgeschosses, rechts davon ist das Badezimmer der Gräfin zu sehen, links davon hat der Graf sein Ankleidezimmer. Eine Treppe führt ins Obergeschoss, wo Susannas altes Dienstmädchenzimmer einsichtig ist. Das könnte reizvoll sein. Doch letztlich lenkt, was in den Nebenzimmern stattfindet, nur von der eigentlich wichtigen Handlung ab, zumal nur ganz selten einmal wirklich erhellend ist, was Bechtolf zeigt. Worin besteht – um nur eines von vielen Beispielen dieser Art zu nennen – der Gewinn, wenn im dritten Akt, während der Graf im Weinkeller sein „Hai già vinta la causa“ singt, schräg gegenüber die Dienstboten in der Küche ein Mahl einnehmen? Ausgestattet sind die Räume freilich mit viel Liebe zum Detail. Auch die Kostüme – die Handlung hat der Regisseur ungefähr in die 1920er Jahre verlegt – sind alle schön anzusehen, und man würde nicht zögern, sich von Mark Boumann, dem Kostümbildner, einen Anzug schneidern zu lassen. So viel Aufwand, so viel Liebe zum Detail – und doch überzeugt das Ganze nicht. Es fällt bei so viel inszenierter Nebensächlichkeit nämlich schwer, sich auf die Musik zu konzentrieren. Deshalb (und weil Dan Ettinger die Sänger nicht gerade herausfordert) ist es nicht leicht, über die Besetzung einigermaßen Differenziertes zu sagen. Die Sänger machen ihre Sache allesamt ganz gut. Ein pauschales Urteil über eine pauschal wirkende Aufführung. Keine Arie, kein Ensemble, kein Finale gerät ergreifend oder packend. Luca Pisaroni (der wegen Ischias-Schmerzen am Spiel gehindert war und darum vielleicht auch ein wenig am freien Singen) gibt einen soliden Grafen mit kraftvollem Bariton, und Anett Fritsch, deren Sopran anfangs vibratoreich nicht so recht in seinem Zentrum zu sitzen schien, wurde im Laufe des Abends immer besser („Dove sono“ glückte weit besser als das arg zerdehnte „Porgi, amor“). Adam Plachetka liegt die Rolle des Figaro besser als die des Giovanni, die er im Mai in Wien gab, aber auch hier würde man sich einen agileren Bariton wünschen, und warum Martina Janková manchen als große Mozartstimme gilt, war nach dieser Susanne nicht recht ersichtlich. Der Cherubino der Margarita Gritskova sang zwar kraftvoll, aber nicht immer ganz rein intoniert. Nein, man fährt dafür nicht nach Salzburg. Nicht für diese Regie. Und auch nicht für diese ordentliche Besetzung. Und erst recht nicht für dieses schrecklich langweiliges Dirigat.

P.S. Wer sich zu Hause am Fernseher ein Bild davon machen möchte: Servus TV überträgt am 9. August ab 17.55 Uhr live aus Salzburg.

Salzburg, am 2. August 2015

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