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Livekritik zu

Eugen Onegin

04.01.2014 - 10.01.2014 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 28.07.2015

Der Liebe beugt sich jedes Alter

Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ mit Starbesetzung an der Bayerischen Staatsoper

 

Eigentlich hätte sie im letzten November die Titelrolle in Puccinis „Manon Lescaut“ in München singen sollen. Doch Anna Netrebko konnte sich mit dem Regiekonzept von Hans Neuenfels nicht anfreunden und sagte ab. Eingesprungen für sie ist Kristine Opolais, die dafür den Part der Tatjana in den beiden Festspielaufführungen von Tschaikowskys „Eugen Onegin“ der Kollegin Netrebko überließ. Wer Krzysztof Warlikowskis Inszenierung auf dem Jahr 2007 kennt, wundert sich ein wenig, dass Frau Netrebko mit dieser Arbeit offenbar kleinere Schwierigkeiten hat als mit Hans Neuenfels‘ Puccini-Deutung. Was die Eigenwilligkeit des Zugriffs auf einen Opernstoff betrifft, geht Warlikowski nämlich sehr viel weiter als Neuenfels, so dass Anna Netrebko mit ihrem Rollentausch gewissermaßen vom Regen in die Traufe gekommen ist. Die vermutlich von der Biographie des Komponisten inspirierte Idee der Inszenierung besteht darin, eine Liebesgeschichte zwischen den Freunden Lenski und Onegin anzunehmen. Ein fragwürdiger Einfall, der mir vom Libretto nicht gedeckt zu sein scheint. Es müssten schon sehr subtile Details des Textes und der Musik für eine solche Lesart geltend gemacht werden, und ein Regisseur müsste ebenso subtile Bilder finden, um einen solchen Subtext anschaulich zu machen. Subtil sind die Mittel des Regisseurs nun aber gerade nicht. Vielmehr zeigt er grob überdeutlich, worauf es ihm ankommt. Lenski, den Pavol Breslik mit immer noch jugendlich lyrischem Tenor als zarten, sensiblen Dichter zeichnet, liegt vor seiner Duell-Szene im 2. Bild des 2. Aktes mit Onegin im Ehebett, vor dem sich lässig halbnackte Cowboys tummeln. Dass Lenski gleich darauf in seiner großen Arie „Kuda, kuda“, die Herr Breslik mit klarem Tenor eindringlich gestaltet, immer wieder von seiner geliebten Olga redet, will dazu nicht so recht passen – es sei denn, man verstünde seine Vision, in der Olga ihn als ‚geliebten Freund‘ anspricht, als plötzliches Bekenntnis Lenskis Onegin gegenüber. Dabei ist das zentrale Szene der Oper, ihr seelisches Zentrum doch Tatjanas briefliches Bekenntnis an Onegin, das in dieser Inszenierung nicht geschrieben, sondern auf ein Diktiergerät gesprochen wird. Schließlich spielt - soviel Stimmigkeit glaubt der Regisseur dem Publikum schuldig zu sein - die Geschichte in den 1970er Jahren, wie die bewusst schäbige Ausstattung (blinkende Spielautomaten, hässliche Plastikstühle, schlecht sitzende Strickpullis etc.) von Malgorzata Szczeniak suggeriert. Diese Briefszene gelingt dank Anna Netrebkos Gestaltungskraft anrührend. Ihre weiche, aber kraftvolle, auch in den Höhen nie scharf werdende Stimme ist für diese Partie ideal geeignet. Auch darstellerisch überzeugt sie: Aus dem jungen, verschüchterten Mädchen, das sich nächtlich zu einem großen Geständnis hinreißen lässt, wird am Ende eine selbstsichere Frau, die Onegins Avancen souverän abweist. Das ist bei dem baritonalen Schmelz, über den Mariusz Kwieciens dunkel timbrierte Stimme als Onegin verfügt, gewiss nicht einfach. Es gelingt Frau Netrebko und Herrn Kwiecien mitreißend, dieses finale Duett als Kampf widerstreitender, großer Gefühle darzustellen. Tatjana ist stark genug, sich nicht verführen zu lassen; sie will ihrem Gatten treu bleiben, für den sie „ein Stern in dunkler Nacht“ ist. Günther Groissböck singt Gremis große Arie mit seinem schwarzen, profunden Bass wirklich „würdevoll, verhalten, aber mit Wäme“, wie es in der Regieanweisung heißt. Ein Abend mit vorzüglich besetzten Hauptfiguren also. Nur Alisa Kolosovas etwas rauh und hart klingende Olga passte in dieses exquisite Ensemble nicht so recht. Zusammengahlten und souverän durch den Abend geführt wurden die Sänger von Leo Hussain am Pult des agilen Bayerischen Staatsorchesters. Großer Jubel beim Publikum, nicht nur fur Anna Netrebko, der nach ihrer Beteiligung an dieser extravaganten, nicht überzeugenden Produktion niemand mehr wird nachsagen kann, sie sperre sich gegen modernes Regietheater.

München, am 26. Juli 2015

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Große Besetzung, nicht überzeugende Produktion

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