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Livekritik zu

L'Orfeo

20.07.2014 - 23.07.2015 | München / Prinzregententheater
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cgohlke
am 20.07.2015

Orpheus, der  Aussteiger

Claudio Monteverdis „L’orfeo“ an der Bayerischen Staatsoper

 

Mit seiner so bunten wie feinsinnigen Inszenierung von Gaetano Donizettis Oper „L’elisir d’amore“ hat David Bösch 2010 in München Publikum und Kritik gleichermaßen für sich eingenommen. Nach Mozarts „Mitridate“ und Janaceks „Das schlaue Füchslein“  hat David Bösch für die Opernfestspiele 2014 Monteverdis „L’orfeo“ inszeniert. Es ist ihm auch damit eine eindrückliche Regiearbeit gelungen, wie bei der diesjährigen Wiederaufnahme am 18. Juli im Prinzregententheater zu erleben war.

David Bösch erzählt die mythische Geschichte ganz ohne Bildungsballast . Aber er verlegt die Handlung auch nicht plump in unsere Gegenwart. Zwar deutet ein alter VW-Bus, in dem Orfeo mit seiner Euridike nach der Hochzeit (datiert auf den 18.7.75) davonziehen möchte, genauso auf die Hippie-Zeit wie die großen weißen Blumen, die Patrick Bannwart auf einer sonst in dunklen Farben gehaltenen Bühne in den Himmel wachsen lässt. Aber die Kostüme der Festgesellschaft, die Falko Richter entworfen hat, sind durchsetzt mit barocken Elementen. Andeutungen von Reifröcken sind zu sehen, und  Epauletten zieren die langen Röcke der Männer. Es ist eine phantastische Welt, die David Bösch mit charme auf die Bühne zaubert, - und es ist kontrastweise eine unheimlich-düstere Unterwelt, die er zeigt. Statt der weißen Blumen hängen stilisierte Menschen mit maskenhaften Gesichtern kopfüber vom Schnürboden herab. Hier hällt Charon (Tareq Nazmi) Wacht, ein zotteliger Gesell, der die Toten auf einem motorisierten Schnellboot befördert, auf dem versteckt und verdreckt ein gelbes Taxi-Schildchen leuchtet. Proserpina (Anna Bonitatibus mit leuchtendem Sopran) tritt ihrem finsteren Gatten Plutone (kraftvoll: Goran Juric) in einem funkelnden Sternenkleid gegenüber, um für Orfeo die Erlaubnis zu erwirken, die Gattin Euridice (Elsa Benoit) doch noch einmal mit auf die Erde nehmen zu dürfen. Doch da Orfeo mit seiner Kunst zwar die Unterwelt bezwingt, nicht aber den eigenen Wunsch, die geliebte Frau auf dem Weg zurück ins Leben anzusehen, wird sie ihm erneut und jetzt auf immer genommen. Ihm bleibt die Klage. Christian Gerhaher gestaltet sie mit seinem warmen, flexiblen und klangschönen Bariton besonders eindringlich, weil er nicht den großen Effekt sucht und nie zu opernhaftem Pathos neigt. Sein Vortrag bleibt auch in emotionalen Momenten immer kontrolliert. David Bösch zeigt Orfeo auf den Feldern Thrakiens als eine Art von Aussteiger, der alle Hoffnung verloren hat. Aus seiner schäbigen Kleidung zieht er einen Flachmann, die Saiten seiner Lyra zerschneidet er. Apollon (mit klarem Tenor: Dean Power), der ihm Trost spenden und neue Hoffnung geben soll, ist in dieser Inszenieung so etwas wie ein Tippelbruder, der Orfeo das Messer zum Selbstmord reicht. Merkwürdigerweise passt David Böschs pessimistische und durchaus eigenwillige Deutung zu Monteverdis Musik. Christopher Moulds führt das Orchester (das von Mitgliedern des Staatsorchesters angereicherte Monteverdi-Continuo-Ensemble) schlank und transparent im Klang. Vielleicht hätte man sich manchmal einen noch leichteren, federnderen Ton gewünscht und von der Zürcher Singakademie noch ein wenig mehr Homogenität im Klang. Aber das sind kleine Einwände. Prägender war der Eindruck, dass David Bösch für die Stimmungen dieser Musik eindrückliche Bilder findet, nicht zuletzt dank der Ausstattung von Patrick Bannwart. Bösch ohne Bannwart, das ist eigentlich kaum vorstellbar, wird in der nächsten Spielzeit aber gleich zwei Mal zu erleben sein. Im September eröffnet das Residenz Theater mit Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“, und im Mai inszeniert David Bösch an der Staatsoper Wagners „Meistersinger“ , beide Male ohne Patrick Bannwart. Man darf gespannt sein.

München, 18. Juli 2015

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Eigenwillig, aber stimmig

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