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Livekritik zu

Roberto Devereux

11.04.2015 - 15.07.2015 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 20.07.2015

Seit Jahrzehnten tritt Edita Gruberova an der Bayerischen Staatsoper auf. Hier sang sie die Königin der Nacht, die Rosina, vor allem aber die großen Belcanto-Partien in Opern von Donizetti und Bellini. Wer die Groberova in einer dieser Rollen erlebt hat, wird das kaum wieder vergessen. Inzwischen sind die Auftritte der 1946 in Bratislava geborenen Künstlerin seltener geworden. In München war sie bei den Opernfestspielen allerdings außer in einem schwelgerisch rezensierten Liederabend zwei Mal als Elisabetta in Donizettis „Roberto Devereux“ zu erleben.

Spurlos ist die Zeit natürlich auch nicht an der Stimme der Edita Gruberova vorbeigegangen. Ganz so mühelos wie einst glücken die Koloraturen nicht mehr, auch scheint der Atem nicht mehr ganz so endlos lang zu sein wie früher, und manche Töne klingen nicht mehr so makellos rein wie in vergangenen Jahren. Diese Einschränkungen waren vor allem zu Beginn der Aufführung wahrnehmbar. Das Publikum ließ sich in seiner Liebe zu dieser einzigartigen Künstlerin dadurch aber nicht beirren. Großen Jubel gab’s gleich nach dem ersten großen, mit einem schmetternden Spitzenton brillant beendeten Auftritt der Königin in der zweiten Szene, und es war bewegend zu sehen, wie dankbar und erleichtert Frau Gruberova den stürmischen Applaus entgegennahm. Fast fiel sie dabei aus ihrer Rolle, so bewegt schien sie vom Zuspruch der Opernbesucher. Der Jubel war verdient. Was die Gruberova in dieser Rolle (bei allen genannten Einschränkungen) leistete, war nach wie vor großartig. Auch darstellerisch gelang ihr ein intensives Rollenportrait einer hektischen, verletzlichen, temperamentvollen Frau. Am Ende, als sei einsehen muss, Roberto endgültig verloren zu haben, reißt sie sich die Perücke vom Kopf, zerzaust sich nervös das schüttere graue Haar, wankt im schwarzen Samtkleid halb wahnsinnig davon uns stürzt nieder. „Ov’era il mio trono s’innalza una tomba“, wo mein Thron stand, erhabt sich ein Grab.

Die Stärke der Inszenierung von Christof Loy, die seit 2004 in München zu sehen ist, liegt gerade in einer klugen, differenzierten Personenführung. Herr Loy begnügt sich nicht mit Operngesten. Er versucht, die Geschichte psychologisch einleuchtend zu erzählen. Dass er die Handlung vage in die 1980er Jahre verlegt (Elisabetta sieht in den Kostümen Herbert Murauers aus wie Margaret Thatcher), hilft dabei freilich wenig, und dem geradezu absurde Detailrealismus (Personal im Blaumann, das die Rolläden öffnet und wieder schließt; Putzkräfte, die den Boden wienern; Wasserspender, die nachgefüllt werden etc.) ist kein Zugewinn an Erkenntnis und Wahrhaftigkeit zu verdanken, meine ich. Sei’s drum, die Besetzung war so gut, dass man über diese unnützen Regiezutaten hinwegsehen konnte. Sonia Ganassi gab mit dunkel gefärbter, großer Stimme eine starke Rivalin Sara, und Franco Vassallo war mit seinem machtvollen flexiblen Bass ein beeindruckender Nottingham. Alexey Dolgov konnte als Titelheld Roberto diesem Niveau nicht ganz entsprechend. Sein Tenor ist zwar durchdringend, im Klang aber merkwürdig nasal. Auch das gewissermaßen kurzwellige Vibrato mag nicht jedermanns Sache sein. Friedrich Haider leitete mit Umsicht und Energie ein klangschön und behutsam musizierendes Staatsorchester. Ein großer Abend und ein bewegendes Wiedersehen mit la regina Edita.

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