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Livekritik zu

BRSO mit NÉZET-SÉGUIN: Haydn und Brahms

25.06.2015 - 26.06.2015 | München [ Altstadt/Lehel ] / Residenz München
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cgohlke
am 29.06.2015

Gewaltiger Trost

Yannick Nézet-Séguin und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Haydns „Trauer-Symphonie“ und mit dem „Deutschen Requiem“ von Johannes Brahms

Eigentlich werden sie zu selten gespielt, die so unglaublich einfallsreichen, witzigen Symphonien von Joseph Haydn. Yannick Nézet-Séguin wählte als Hinführung zu Brahms‘ „Requiem“ die sogenannte „Trauersymphonie“ in e-Moll, Hob. I:44. Der schlanke Klang, vibratoarm und doch energiegeladen, mit dem das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks den ersten Satz vorträgt, nimmt für sich ein. Allerdings steht der Streichapparat so deutlich im Fokus, dass die Bläserstimmen ganz in den Hintergrund treten und die Klangbalance etwas aus dem Gleichgewicht zu kommen droht. Zart hingetupft und transparent wirkt das berühmte Adagio, dessen Wiederholungen aber vielleicht doch mehr interpretatorische Varianz hätten ertragen können. Dafür glückte der Schluss-Satz feurig und mitreißend. Ja, wenn es gelegentlich heißt, diese Symphonie sei musikalischer „Sturm und Drang“, so wirkte dieses Presto-Finale wie der Beleg zur These.

Nach der Pause dann die Hauptsache des Abends: Das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms. „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Wenn der Chor des Bayerischen Rundfunks diese Verheißung vorträgt, ist sie schon erfüllt. Schöneren Trost als diese Musik, so geheimnisvoll, so herrlich klangschön gesungen wie von diesem exzellenten Chor, gibt es kaum. Die Klarheit seiner Diktion, die Homogenität seines Klanges sind atemberaubend. Auch das dynamische Spektrum, über das der BR-Chor verfügt, ist enorm, und Yannick Nézet-Séguin schöpft dieses ungewöhnlich hohe Potential voll aus. Dem zarten Beginn stellt er einen donnernden 2. Satz entgegen, der rhythmisch als ein ehernes Kondukt, als ein unabänderliches Schreiten daherkommt und die Vergänglichkeit allen Fleisches mit naturgesetzlicher Wucht verkündet. Großartig gelingt es, die Ausnahme von diesem eisernen Gesetz zu formulieren. Warm und leuchtend trägt der Chor sie vor: „Aber des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit.“ Es sind scharfe Kontraste, die der Dirigent in Brahms „Requiem“ herausarbeitet. Yannick Nézeg-Séguin hat, wie er in einem Interview selbst sagte, zu diesem Werk ein besonders enges Verhältnis. Das spürt man. Er leitet das glanzvoll musizierende Symphonieorchester und den Chor mit größter Hingabe. Er scheut nicht die große Geste oder das Pathos. Aber bei aller Wucht verliert er die Klangbalance kaum je aus den Augen, und gerade darum gelingt seine Interpretation so mitreißend und bewegend. Matthias Goerne und Christiane Karg sind zudem zwei Solisten, die ihre Partien sehr ansprechend zu singen wissen. Farbenreich und differenziert im Ausdruck gestaltet Herr Goerne seine beiden Bariton-Soli, und mit einem großen Bogen verkündet der wunderbar kontrollierte und warme Sopran der Christiane Karg in ihrer Sopran-Arie den Trauernden Trost. Auch hier ist mit dem Vortrag die Verheißung erfüllt. Langer Applaus im Herkulessaal für eine bewegende Aufführung.

München, am 26. Juni 2016

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