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Livekritik zu

Don Giovanni

21.06.2015 - 30.10.2015 | Wien / Wiener Staatsoper
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cgohlke
am 22.06.2015

Flache Regie, schöne Musik

Mozarts „Don Giovanni“ an der Wiener Staatsoper

 

Dass Jean-Louis Martinoty sich zur Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ an der Wiener Staatsoper keine Gedanken gemacht hätte, wird man schwerlich behaupten können. Wer das Interview liest, das im Programmheft zur Aufführung abgedruckt ist, kann erfahren, wie sorgfältig der Regisseur sich mit Quellen und historischen Hintergründen befasst hat. Um zu erklären, wie es sein kann, dass Anna den Edelmann Giovanni mit ihrem Verlobten Ottavio verwechselt, führt er die Quellen an, derer sich Da Ponte bedient. Um plausibel zu machen, warum sich das Personal dieser Oper immer wieder wie zufällig begegnet, siedelt er große Teile der Handlung in einem Gasthaus an, und um zu unterstreichen, dass diese Oper „immer mehr zu einem Mythos geworden“ ist, verlegt er die Handlung ins frühe 20. Jahrhundert. Das mag alles gut und richtig sein, - allein: Die Fragen, die Martinoty sich vorbereitend gestellt hat, bringen ihn und den Zuschauer keinen Deut näher an Mozarts Oper heran. Die Inszenierung bleibt oberflächlich und herzlich unbedeutend. Dass außerdem eine Figur wie Giovanni nicht ohne erhebliche Widersprüche ins 20. Jahrhundert verpflanzt werden kann, scheint den kundigen Mann weiter nicht zu kümmern. Seine Hauptfigur bleibt denn auch recht blass, und leider verfügt Adam Plachetka nicht über genügend baritonalen Schmelz, um stimmlich wettzumachen, was eine ungenaue Regie ihm an Kontur vorenthält. immerhin: Hans Schavernoch hat ein schön anzusehendes Bühnenbild geschaffen. Eine schräg stehende Fläche wird von meist nur schwarzweißen Prospekten geschlossen, auf denen (ähnlich wie im Salzburger „Rosenkavalier“ vom letzten Sommer) Räume – ein nächticher Straßezug, eine Art Kellergewölbe, ein gotisches Kirchenschiff – mit Hilfe von Fotographien angedeutete werden. So ergeben sich stimmungsvolle Bilder, die der Musik nicht im Wege sind. Empfindlich störend ist hingegen der Einfall des Regisseurs, die Szene außer mit den Sängern  ständig mit allerlei Statisten zu bevölkern. Er scheint damit realistische Sprechanlässe schaffen zu wollen, wo Mozarts Arien das Alleinsein doch oft zwingend fordern. Dass Leporello (mit unsicherer Intonation: Paolo Bordogna) sein „Notte e giorno faticar“ nicht als verbissenen Monolog singt, sondern dass er seine Unzufriedenheit direkt einer Frau klagt, die, warum auch immer, Zeugin der nächtlichen Szene wird, mag hingehen; dass aber Zerlina ihren Trost „Vedrai carino“ (Aida Garifullina mit dunkel grundiertem, jugendlichem Sopran) in Gegenwart Dritter spendet, ist albern, und dass schließlich Elviras „In quali eccessi“ als Beichte einem Priester gegenüber gezeigt wird, ist so überflüssig wie belanglos. Dabei weiß Olga Bezsmertna die Elvira durchaus als eine starke Frau mit einer höchst sinnlichen Stimme zu gestalten. Sie ist zudem zur lyrischen Anna der Hibla Gerzmava ein passend dramatisches Gegenstück. Frau Gerzmava überzeugt mit ihrem in den Höhen auch im Piano noch leuchtenden, tragfähigen Sopran. Ihr „Crudele“ vermag wirklich anzurühren, auch wenn sie mit den Koloraturen der Arie hörbar Mühe hat. Auch Benjamin Bruns glücken als Ottavio nicht alle Passagen ganz makellos, aber sein Tenor ist sowohl lyrisch als auch kraftvoll. Besonders innig gelingt ihm seine erste Arie „Dalla sua pace“. Gerade bei den Arien erweist sich Cornelius Meister als ein sensibler Begleiter, der fein gezeichnete, differenzierte Einleitungen zu gestalten weiß, das wunderbar klangschöne Staatsopernorchester aber auch zupackend und temperamentvoll leitet und eine dynamische, eher romantisch grundierte, als historisch informierte Lesart der Partitur bietet. Weiß Gott kein Nachteil.

 

Wien, am 19. Juni 2015

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Schöne Musik, belanglose Szene

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