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Livekritik zu

Schwanensee - Ballett von John Cranko

06.01.2018 - 31.05.2018 | Stuttgart / Staatstheater Stuttgart - Opernhaus
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cgohlke
am 09.01.2018

Unverwüstlich

John Crankos „Schwanensee“ am Stuttgarter Staatsballett

Schwanensee - das ist bis heute der Inbegriff des klassischen Balletts. Auch Menschen, die nie ins Theater gehen, kennen den Titel und assoziieren Ballerinas in weißen Tutus damit. Dass es die eine, letzthin gültige Fassung von „Schwanensee“ gar nicht gibt, verschlägt dabei nichts. Es hängt mit der wechselhaften und alles andere als gradlinigen Rezeptionsgeschichte des Werkes zusammen: Die Uraufführung 1877 in Moskau war kein Erfolg. Weder Tschaikowskys Musik (es war vor „Dornröschen“ und „Nussknacker“ sein erstes Ballett) noch die Choreographie von Wenzel Reisinger wurden von der Presse oder vom Publikum akklamiert. Erst nach des Komponisten Tod 1893 inszenierte Lew Iwanow in Petersburg den zweiten Akt von „Schwanensee“ als Gedenkveranstaltung für Tschaikowsky. Der Erfolge war so groß, dass Marius Petipa den 1. und 3. Akt ergänzte. Diese Fassung kann ungefähr als Grundlage aller weiterer „Schwanensee“-Choreographien verstanden werden.

Auch John Cranko hielt sich bei seiner Suttgarter Fassung, die 1963 im Württembergischen Staatstheater Premiere feierte, an die Vorlagen von Iwanow und Petipa, setzte aber andere Akzente. Vor allem die männliche Hauptrolle, Prinz Siegfried, wird bei Cranko stärker als bislang in den Fokus der Handlung gestellt. Und bei Cranko endet seine Geschichte nicht mit einem „Happy End“ oder mit dem gemeinsamen Liebestod, sondern tragisch: Rotbart nimmt Odile mit sich, der Prinz ertrinkt im See, der über die Ufer tritt. Die Meisterschaft Crankos zeigt sich dabei darin, dass er eine echte Geschichte erzählt, in die solistische Glanzleistungen immer wieder integriert werden können. Sie erscheinen bei ihm nicht mehr als artistischer Selbstzweck, sondern als mehr oder minder organischer Teil der Handlung.

Von den Tänzern erfordert eine solche Anlage zum einen technische Perfektion, zum anderen aber auch darstellerische Glaubwürdigkeit. Die Solisten des vorzüglichen Stuttgarter Ensembles verfügen über beides. David Moore gibt einen eher zarten, zur Melancholie neigenden Siegfried, der lieber mit seinen Freunden feiert, als sich um eine Braut zu kümmern. Martí Fernández Paixà, Daniele Silingardi, Matteo Crockhard-Villa und Noan Alves brillieren in diesen Partien und überzeugen mit perfekt harmonisierenden Bewegungen. Siegfrieds Mutter (Melinda Witham) macht dem bunten, ausgelassenen Treiben ein Ende und gemahnt Siegfried an seine Pflichten. Doch der reißt aus, verirrt sich zum See – und dort begegnet er Odette, die einmal des Nachts die Schwanengestalt ablegen und wieder ein junges Mädchen sein darf. So schön wie hier in Suttgart, so symmetrisch und akkurat in den Gesten, erlebt man das Schwanen-Corps-de-ballet selten. Dieser Act blances war eine echte Wohltat fürs Auge und schuf für die Begegnung zwischen Odette und Siegfried einen mehr als nur schmückenden Rahmen. Elisa Badenes tanzt die Rolle der Odette mit großer Anmut. Eine femme fragile wie aus dem Bilderbuch: Zart und zerbrechlich. Zwischen David Moore war ihr ein sicherer Partner und überzeugte besonders mit eleganten, schwebend leichten Hebefiguren. Kein Wunder, dass der Prinz für die Prinzessinnen, die seine Mutter ihm später präsentiert, keine Augen hat, und das, obwohl alle vier Kandidatinnen tänzerisch beeindruckten: Daniela Lanzetti, Daiana Ruiz, Jessica Fyfe und Angelina Zuccarini. Siegfried weist alle Mädchen gleichermaßen kühl zurück, gerät aber außer sich, als Rotbart (mit großer Bühnenpräsenz getanzt von Roman Novitzky) als unbekannter Ritter mit Odile erscheint, die Siegfried für Odette hält. Tätsächlich borgt sich Odile von Odette einige schwanenhaft zarten Bewegungen, insgesamt tritt sie jedoch mit weit größerem erotischem Selbstbewußtsein auf. Es ist faszinierend, wie Elisa Badenes, die beide Rollen tanzte, diese Wandlung schafft und wie sie nun mit ihren Fouttes das Publikum und den ahnungslosen Siegfried begeistert. Er weiß ja nicht, welches Schicksam er seiner Geliebten bereitet, indem er sich mit Odile einlässt. Odette nämlich muss so lange in der Gewalt Rotbarts bleiben, bis sie einen treuen Mann gefunden hat. Unwissentlich hat der törichte, von Odile gänzlich verzauberte Prinz seinen Schwur gebrochen, und das bedeutet, dass Odette auch künftig ihre Schwanengestalt behalten muss. Einmal jedoch,das immerhin gestattet der dämonische Rotbart den beiden Liebenden, dürfen sie sich noch sehen – um dann für immer voneinander Abschied zu nehmen. Sehr zart und innig tanzen Moore und Badenes diese letzte Begegnung. Dann zieht Rotbart Odile unerbittlich mit sich fort, der See tritt über die Ufer, und Siegfried kämpft mit den wogenden Wellen, denen er erliegt. Jürgen Rose hat mit seinem detailverliebten, sehr schönen, märchenhaft anmutendem Bühnenbild dafür gesorgt, dass dieser Schluss auch optisch eindrücklich gelingt.

Dazu tönt Tschaikowskys überwältigende, symphonisch dichte Musik aus dem Graben, wo James Tuggle das Suttgarter Staatsorchester nach einem noch etwas verhaltenen und in den Streichern ein wenig spröde kllingenden Beginn im Laufe des Abends zu immer größerer Glut aufpeitscht. Kein Wunder, dass das Publikum diesen Abend lange und laut beklatschte.

Stuttgart, am 6. Januar 2017

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