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Livekritik zu

Le nozze di Figaro

11.05.2012 - 20.11.2016 | München / Nationaltheater München
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cgohlke
am 07.11.2017

Kühl bis ans Herz hinan

Christof Loys „Figaro“ an der Bayerischen Staatsoper

 

Was für eine Stimme! Einen so schönen Mozart-Sopran hat man in München lange nicht gehört wie jetzt in der Bayerischen Staatsoper bei der Neuinszenierung von „Le nozze di Figaro“, die Ende Oktober Premiere feierte. Federica Lombardi sang darin die Rolle der Contessa. Nach Auftritten in Rom, Mailand und Salzburg ist die junge italienische Sängerin nun also auch in München zu hören. Ihre Stimme ist ungemein kraftvoll und farbenreich. Im Piano füllt sie ohne Mühe das große Nationaltheater; ihr Forte ist von gleißender Intensität, ohne dabei schneidend zu sein. Dieses außergewöhnliche stimmliche Material erlaubte es Federica Lombardi, die Cavatina „Porgi amor“ zu Beginn des zweiten Aktes mit anrührender Melancholie zu gestalten und „Dovo sono“ im dritten Akt mit großen Melodiebögen zu beenden („Ah! se almen la mia constanza“), die in der Höhe wundervoll gerundet waren und echte Verzweiflung über des Gatten undankbares Herz vermittelten. Christian Gerhaher sang die Partie dieses zur Eifersucht wie zur Untreue neigenden Conte mit noblem, samtweichem Bariton, der gleichwohl zu dramatischen Ausbrüchen fähig ist. Besonders beeindruckend gelang ihm Rezitativ und Arie Nr 18: „Hai già vinta la causa!“ mit klaren Koloraturen am Ende, die nicht als Selbstzweck, sondern als glaubhafter Ausdruck seiner Wut gestaltet waren. Und wie verhalten, leise und wahrhaftig Gerhaher das „Contessa perdono!“ sang, ging unter die Haut!

Aber nicht nur das hohe Paar war an diesem Abend glanzvoll besetzt. Auch das Dienstbotenpaar Susanna und Figaro überzeugte. Olga Kulchynskas Sopran war am Anfgang des Abends noch ein wenig unfrei und belegt, vielleicht aus Gründen der Nervosität. Später sang sich die aus der Ukraine stammende Sängerin frei, und ihre Stimme gewann gerade in der Höhe eine wunderbare Leichtigkeit und Süße. Ein wenig routiniert, aber solide und durchaus kraftvoll trat Alex Esposito als Figaro in Erscheinung. Sein Bariton ist rauher als der Gerhahers und gerade darum musikalisch ein stimmiger Kontrast. Durchweg gut besetzt waren die kleineren Partien: Solenn Lavanant-Linke gab einen zarten, gleichwohl burschikosen Cherubino mit allerdings vielleicht etwas zu monochromen Mezzo, Paolo Bordogna beeindruckte als Basilio mit einer machtvollen „La vendetta“-Arie, Manuel Günther sang die Arie von der Eselshaut im vierten Akt einmal so, dass man sich dabei nicht langweilt, und Anne Sofie von Otter überzeugte als Marcellina mit komödiantischer Spiellust. Dass Marcellinas Arie vom Ziegenbock (Nr. 25) durch das Lied „Abendempfindung“ (KV 523) ersetzt wurde, ist nur eine der vielen willkürlichen und selbstherrlichen Entscheidungen des Regisseurs und des Dirigenten.

Constantinos Carydis neigt in dieser Produktion zu Extremen in der Wahl der Tempi. Die Ouvertüre wird vom bewunderswert agil und tranparent musizierenden Staatsorchester sehr rasch und hochdynamisch gespielt. Das ist in seinem Schwung durchaus mitreißend. Wenn aber die Rezitative nicht nur vom Cembalo und Hammerflügel, sondern teilweise auch von der Truhenorgel begleitet und wenn Arien immer wieder bis zum Stillstand zerdehnt oder bis zur Raserei beschleunigt werden, erscheint dies nicht mehr als Ausdruck von Klangrede, sondern als übersteigerter Interpretationswille, dem das Vertrauen in die Ausdrucksmacht von Mozarts Musik abhanden gekommen zu sein scheint. Überdies führte dieser wohl an Teodor Currentzis orientierte Stil gar nicht selten zu Friktionen zwischen Orchester und Besetzung. Doch immer wieder glückten Carydis auch schöne Partien: Das Pinien-Duett zwischen Susanna und der Gräfin etwa oder auch die Gestaltung der Ensemble-Szenen und Finali überzeugten durchaus.

Weniger überzeugend gelang schließlich die Regie von Christof Loy. Bühne (Johannes Leiacker) und Kostüme (Klaus Bruns) verlegen die Handlung diffus in unsere Gegenwart. Weiße Wände mit sich von Akt zu Akt vergrößernden Türen versinnbildlichen die Umkehr der Verhältnisse: Glauben die Protagonisten der Komödie anfangs, ihre Mitspieler wie Marionetten beherrschen zu können, so verzwergen sie schließlich und enden in einer kaum mehr entwirrbaren Verstrickung. Dabei tragen alle ohne so recht driftigen Grund mehr oder minder elegante Abendroben bzw. Straßenanzüge. Loy akzentuiert die traurigen und abgründigen Passagen der Handlung. In der ersten Hälfte überzeugt sein Konzept, weil er immer wieder glaubhafte Charaktere gestaltet. Der zweite Teil des Abends enttäuscht. Warum im dritten Akt, der hier in einer Art von Schlosstheater spielt, Statisten oder Choristen letharisch auf Polsterstühlen herumsitzen, will ebenso wenig einlechten wie die Inszenierung des zweiten Finales, das Loy (ähnlich wie sein Vorgänger Dieter Dorn) in kaltem hellem Licht spielen lässt. Ein wenig blutleer und seelendürr wirkt dieser neue Figaro an der Bayerischen Staatsoper. Warum Dorns Inszenierung durch diese Neuproduktion ersetzt wurde, bleibt zu fragen.

München, Ende Oktober 2017

 

 

Besucherfazit

Großartige Sänger, willkürliche Einfälle des Dirigenten und Regisseurs

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