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Livekritik zu

AIDA

25.08.2017 | Salzburg / Salzburger Festspiele
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cgohlke
am 27.08.2017

Prima la musica

Verdis „Aida“ ist in Salzburg ein musikalisches Ereignis und eine szenische Enttäuschung

 

Auf der Suche nach neuen Perspektiven auf und Deutungen von alten, hundertfach gespielten Stücken laden die Intendanten der großen Opernhäuser immer wieder bildende Künstler dazu ein, die Klassiker des überschaubar großenn Repertoires zu inszenieren. Das Ergebnis ist meistens ernüchternd: Mehr oder minder schöne Bilder können kaum über den Mangel an Erfahrung mit Personenführung hinwegtäuschen.

Die neue Salzburger „Aida“ macht von dieser Regel keine Ausnahme. Shirin Neshat mag als im New Yorker Exil lebende Iranerin theoretisch gerade für diese Oper eine gute Wahl sein. Ihre Inszenierung überzeugt dennoch nicht. Es gelingt Shirin Neshat nicht, die Opernfiguren zum Leben zu erwecken. Die Sänger stehen und gehen mit fast rührender Unbeholfenheit auf der Bühne des Großen Festspielhauses hin und her. Ihre Gesten wirken wie eine Parodie auf ein längst ausgestorbenes eng begrenztes Arsenal an typischen Operngesten. Zugute halten kann man Neshats Arbeit, dass sie kaum von der Musik ablenkt: Sie hat keine provokante Neudeutung im Sinne. Sie will tatsächlich die Geschichte von Aida und Radamès erzählen, so wie Verdi sie erzählt. Sie kann es nur nicht.

Darum nimmt sich diese Inszenierung fast wie eine konzertante Aufführung mit Bühnenbild und Kostümen aus. Christian Schmidt hat dafür einen einen nicht eben ansehnlichen, an eine Styroporschachtel erinnernden weißen zweiteiligen Kasten gebaut, der sich bald öffnet, bald schließt und so einmal als Paradeplatz für den Triumpfmarsch und schließlich als Grabkammer dient. Tatyana von Walsum hat den Damen üppig wallende Kostüme geschneidert und die Priester in lange Kutten gesteckt, die von Juden, Orthodoxen oder Muslimen gleichermaßen getragen werden könnten. Wie gut, dass Reinhard Traub die ganze Szenerie zumeist in mildes Dämmerlicht und Dunkel taucht!

So lenkt (von hustenden, in Handtaschen kramenden, Prammbücher fallenlassenden Sitznachbarn) kaum etwas ab von der Musik. Und die ist an diesem Abend festspielwürdig. Das ist in erster Linie Riccardo Muti am Pult der Wiener Philharmoniker zu danken. Besser als Muti wird derzeit kaum jemand diese Oper dirigieren. Zum einen trägt der Maestro die Sänger auf Händen und atmet gleichsam mit ihnen. Zum anderen entlockt er den hörbar gut gelaunten Philharmonikern eine ungeahnte Fülle an Details und Farben, ohne je den großen Bogen aus den Augen zu verlieren. Gerade die intimen Momente gelingen bezaubernd schön.

Man höre nur, wie wundervoll zart und erlesen die Holzbläser und das Cello das orchestrale Nachspiel zu Aidas großer Arie im 1. Akt musizieren! Dieses „Numi pietà“ zeigt auch Anna Netrebko auf der Höhe ihres Könnens. Die Innigkeit und Süße ihres Flehens um Mitleid ging wirklich zu Herzen. Hier gelang einer dieser seltenen Gänsehaut-Momente, um deretwillen man in die Oper liebt. Anna Netrebko hat sich mit ihrem Salzburger Debüt als Aida eine neue große Rolle erobert. Klangschöner als sie lässt sich diese Musik kaum singen. Ihre Stimme ist in der tiefe noch fülliger geworden, ohne darum die lichte und leichte Höhe eingebüßt zu haben, die jederzeit perfekt gerundet ist. Das von Sängerinnen gefürchtete hohe C in der sogenannten Nil-Arie im dritten Akt gelingt ihr im piano ungemein zart. („O patria mia, non ti vedrò mai più!“)

Ekaterina Semenchuk war ihr mit vollem, zu leidenschaftlichen Ausbrüchen fähigem Mezzo als Amneris eine echte Rivalin und Gegenspielerin. Vor allem gelang es der Sängerin, Mitleid für diese doch eher negativ gezeichnete Figur zu erwecken. Die innere Zerrissenheit dieser liebenden und leidenden Frau wurde im großen Auftritt mit Radamès zu Beginn des vierten Aktes besonders deutlich. Francesco Meli singt ihn mit einem schön timbrierten Tenor, mit dem er die heikle Höhe in der Auftrittsarie „Celeste Aida“ sehr gut bewältigt (wenn ihm das hohe B am Ende der Arie an diesem Abend auch ein wenig entgleitet). Vielleicht fehlt ihm in der großen Szene mit Aida im dritten Aufzug eine wenig Schmelz in der Stimme. Dafür fand er auch in der (nicht immer ganz präzise klingenden) finalen Grabkammer-Szene noch leise Töne.

Wenn Thomas Mann im „Zaubergerg“ davon spricht, dass bei diesem Finale „die reale und sachliche Seite der Dinge“, also der bevorstehende Tod der beiden Liebenden, von dieser unaussprechlich schönen Musik „aufs triumphalste in den Schatten gestellt“ werde, so gilt etwas Ähnliches für diese Salzburger Aufführung: Auch hier triumphiert die Musik glanzvoll über eine mäßige Szenerie. Großer Jubel.

 

Salzburg, am 14. August 2017

P.S. Wer sich ein eigenes Bild machen möchte: Die Aufführung vom 12. August ist derzeit in der Arte Mediathek abrufbar.

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Herrlich musiziert, mäßig inszeniert

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